Tiroler in Südamerika

Pozuzo
Dorf Tirol
Dreizehnlinden
Llanquihue

 POZUZO, Peru

Pozuzo-Centro (von den Alten daneben auch noch "die Kolonie" genannt) ist das dörfliche Zentrum des etwa 1.500 km² großen Distrikts Pozuzo. Pozuzo liegt am 10. Breitengrad der südlichen Hemisphäre im tropischen Berg-Regenwaldgebiet des südamerikanischen Staates Peru auf einer Höhe von etwa 750 Metern über dem Meeresniveau zwischen zwei dem Amazonasbecken zustrebenden Ausläufern der östlichen Andenkordillere. Distrikt und Siedlungszentrum haben ihren Namen nach dem Pozuzo, dem Hauptfluss des Siedlungsgebietes, dessen Name von dem indianischen Stamm der Amueshas geprägt wurde und soviel wie "Salzbach" bedeutet.

Mitte des vorigen Jahrhunderts bestand der - allerdings niemals realisierte - Plan, die damals schon projektierte Eisenbahnlinie über den Scheitelpunkt des Andengebirges weiter bis zum Unterlauf des Pozuzo zu führen und dort an die Wasserwege des Amazonas anzubinden, um solcherart einen Transportweg von der peruanischen Hauptstadt Lima quer über den südamerikanischen Kontinent zu schaffen und vor allem die damals in Europa und Nordamerika unverzichtbaren Düngemittel Salpeter und Guano zu exportieren.

Zur Besiedlung und Ökonomisierung des Urwaldgebiets, durch das die geplante Handelsstraße führen sollte, war man auf ausländische Siedler angewiesen. Im Jahre 1859 begannen hier wenig mehr als 150 aus Tirol und dem Rheinland angeworbene Siedler in völliger Abgeschiedenheit eine neue Existenz. Der Dialekt der Tiroler hat das rheinländische Element bald verdrängt. Grund dafür waren die zahlenmäßige Überlegenheit der Tiroler sowie ihr größeres Sozialprestige (sie stellten den ersten Pfarrer, der zugleich der eigentliche Gründer und Chef der Kolonie war). Auf Grund der homogenen Herkunft der Tiroler aus dem Oberinntal dominieren im heutigen "Tirolés" Pozuzos die sprachlichen Strukturmerkmlae der Dialekte von Haiming und Silz. (Allerdings hat die spanische Landessprache den Siedlerdialekt heute schon längst in allen öffentlichen Domänen abgelöst).

Topo- und demographische Daten: Pozuzo liegt in Peru, Departamento Pasco. Der aus zwei benachbarten dörflichen Ansiedlungen (Pozuzo-Centro und Prusia = "Preußen"; wegen des rheinischen Siedleranteils) bestehende historische Kern des Siedlungsgebiets liegt im Tal des Rio Huancabamba, unweit des Zusammenflusses mit dem Rio Pozuzo auf 10° 2' südl. Breite und 75° 3' westl. Länge auf etwa 750 m ü.d.M. Die höchsten Ansiedlungen liegen auf ca. 2.000 m, die tiefstgelegenen befinden sich in dem seit den 70er Jahren von Pozuzinern erschlossenen Siedlungsgebiet von Codo del Pozuzo am Rande des Amazonasbeckens auf unter 300 m Seehöhe. - Das zum Departamento Pasco gehörige ursprüngliche Siedlungsgebiet hat 400 km² und ca. 7.000 Einwohner (davon leben ca. 600 im Zentrum). Der Anteil der Deutsch- bzw. Österreichstämmigen beträgt heute weniger als 20%. - Einschließlich des neu erschlossenen Tieflandareals Codo del Pozuzo (Departamento Huánuco) hat das heutige Siedlungsgebiet von Pozuzo ca. 10.000 Einwohner und eine Fläche von etwa 1.460 km² (das entspricht der Ausdehnung Osttirols).

Gründungsgeschichte: Mitte des 19. Jahrhunderts bestand in weiten Teilen Österreichs und Deutschlands für mittelständische Bauern und Handwerker ein hoher Auswanderungsdruck. Zu diesen sogenannten push-Faktoren gehörten: existenzgefährdende steuerliche Belastung durch neo-absolutistische Fiskalpolitik, Industrialisierung und Beseitigung der innerösterreichischen Zwischenzollgrenzen, Verschuldung durch Grundentlastung, politische Frustration nach dem Revolutionsjahr 1848 usw. - Zugleich bestand bei etlichen südamerikanischen Staaten ein hoher Bedarf an Zuwanderung mit dem Ziel einer Erschließung des Landes und der Überwindung feudaler Wirtschaftsstrukturen. Beides hoffte man durch die Schaffung eines produktiven, unternehmerischen sozialen Mittelstandes zu erreichen, weshalb man sich zur Anwerbung europäischer Siedler entschloss (pull-Faktoren).

Im Auftrag der peruanischen Regierung warb der aus Hessen stammende Freiherr Damian v. Schütz-Holzhausen im damals unter preußischer Verwaltung stehenden Rheinland um Auswanderungswillige. Sein als katholisches Unternehmen deklariertes Kolonisierungsprojekt fand auch in klerikalen Kreisen Tirols Anklang, wo man wie Schütz von der Notwendigkeit überzeugt war, in der Neuen Welt "dem verderblichen Einflusse" des protestantischen Nordamerika entgegenzuwirken und mit Pozuzo den "ersten Kern einer wahrhaft katholischen Kolonisation" in Südamerika zu gründen.

27. März 1857: Einschiffung von 300 Emigranten in Antwerpen (180 Tiroler, 120 Rheinländer), darunter Alte und Kleinkinder. - Gründung Pozuzos erst nach mehr als zweieinhalb äußerst entbehrungsreichen Jahren am 25. Juli 1859 (offizielles Gründungsdatum) durch maximal 170 Personen (die übrigen hatten die Gruppe inzwischen verlassen oder waren gestorben), darunter 65 Rheinländer. Wegen der absoluten topographischen Isolation drohte das Projekt selbst jetzt noch zu scheitern.

Verkehrslage: Sehr isoliert. Über 100 Jahre lang waren die Absatzmärkte nur in mehrtägigen Fußmärschen auf schwierigen Pfaden über hohe Gebirgszüge erreichbar. Einen befahrbaren Weg bis Pozuzo-Centro gibt es erst seit 1976. Heute gibt es auch ein Rollfeld für Kleinflugzeuge, doch ist der Flugverkehr für Pozuzo-Zentrum von untergeordneter Bedeutung). - Wirtschaft: Wegen der isolierten Lage war man früher auf eine die Autarkie gewährleistende Subsistenzwirtschaft angewiesen (Tierhaltung, Anpflanzungen; Brandrodungssystem mit Fruchtrotation; fruchtbare Böden). Ab den 1970-ern Zurückdrängung der Wälder zugunsten der Schaffung von Weideland. Heute Fleischproduktion (LKW-Lebendviehtransporte nach Lima; fast 500 km, Ticliopaß 4.843 m hoch).

Kirche: Obwohl die Seelsorger nach wie vor meist aus Österreich oder Südtirol stammen, hat das Deutsche als Kirchensprache heute keinen besonderen Stellenwert mehr. (Zum Schulwesen s. am Schluss dieses Kapitels).

Spracherwerb im tropischen Regenwald: Aus verschiedenen Gründen kam es schon während der Ansiedlungsphase innerhalb der tirolischen Emigrantengruppe zu einer Dominanz der Oberinntaler Varietät. Das von Haus aus zahlenmäßig unterlegene rheinpreußische Element wurde im Jahre 1891 ein weiteres Mal entscheidend geschwächt, als hauptsächlich "preußische" Familien in die 1891 gegründete Kolonie Oxapampa weiterzogen, was durch tribalistische Konflikte zwischen den beiden Einwanderergruppen mitbedingt war. Heute lassen sich im autochthonen Dialekt Pozuzos nur noch wenige Reflexe des Rheinländischen nachweisen. Der pozuzotirolische Dialekt existiert als Medium der privaten Kommunikation heute noch bei Vertretern der ältesten Generation der Immigrantennachfahren, in allen öffentlichen Domänen herrscht hingegen schon seit langem die spanische Landessprache. Rudimentäre passive Dialektkenntnisse sind auch bei der mittleren Generation noch vorhanden, in Ausnahmefällen auch noch bei Kindern aus besonders traditionsgebundenen Familien oder aus abseits des Zentrums in einem deutschsprachig besiedelten Umfeld gelegenen Häusern (z.B. Delfin, Yanahuanca, Santa Rosa).

Wenn auch die zahlenmäßige Überlagerung des deutschstämmigen Siedlerelements schon vor der Vollendung eines befahrbaren Weges nach Pozuzo-Zentrum (1975) begann, hat die geographische und verkehrstechnische Isolation doch lange Zeit den Erhalt des autochthonen Dialekts in Pozuzo gefördert. Als um etwa 1890 von einem deutschstämmigen Unternehmer aus Lima in Pozuzo eine Kokainfabrik errichtet wird und die Kolonisten deshalb Cocaplantagen anlegen, lernen die darauf beschäftigten "Indianer Deutsch verstehen, einige es auch sprechen", wie in einem Bericht aus dem Jahre 1892 festgestellt wird (die Cocafabrik ging aber bereits 1897 pleite).

Wenn diesem Bericht zufolge im Jahre 1892 "der Schulunterricht [auch] in deutscher Sprache erteilt" wird, dürfte als Lehrperson für Deutsch wohl der Tiroler Koloniegründer Pfarrer Egg oder eine seiner mit ihm emigrierten Nichten fungiert haben. Der Bericht stellt aber fest, dass "auch Spanisch gelehrt wird", wenngleich aus dem Wortlaut nicht hervorgeht, ob ein peruanischer Lehrer den Hauptunterricht auf spanisch hielt und daneben (von Egg oder jemand anderem) auch das Fach "Deutsch" angeboten wurde oder umgekehrt. Bereits 30 Jahre vor diesem Bericht schreibt Egg jedenfalls, dass er den Schulunterricht "bisher immer selbst ertheilen" musste, erwähnt aber auch, dass "neuestens [Ende 1862] die Regierung einen Lehrer bewilligt" habe, "natürlich einen spanischen". Diesem werde er, Egg, anfangs "an der Seite stehen müssen", wenngleich andererseits die Kinder "doch schon mehr oder weniger etwas spanisch" verstünden.

Fast dreißig Jahre später erwähnt der Tiroler Theologe Joseph Schöpf, der mit Egg in brieflichem Kontakt stand, zwei Schulen in der Kolonie, in denen sowohl spanisch als auch deutsch unterrichtet würde. Leider aber müsse auf Grund der unregelmäßigen Gehaltsauszahlungen seitens der Behörde mit dem baldigen "Eingehen" der Schulen gerechnet werden.

Die Regelmäßigkeit der schulischen Betreuung im entlegenen Pozuzo ließ auch später noch zu wünschen übrig, und auch der deutsche Reisende Karl Schmid-Tannwald berichtet etwas ironisch von dem damaligen (Stand 1955) peruanischen Lehrer von Prusia, der immer nur so lange blieb, "wie seine Gehaltszahlungen regelmäßig eintreffen." (Wie ein "deutscher" Lehrer seinen Beruf ohne Bezahlung ausgeübt hätte, verrät Tannwald allerdings nicht).

Für die zwanziger Jahre ergibt sich aus den Oral-history-Recherchen bei vier meiner zwischen 1914 und 918 geborenen Gewährspersonen folgendes Bild von der sprachlichen Situation und dem schulischen Alltag jener Zeit: Es gab damals keine ausgebildete (peruanische) Lehrkraft in Pozuzo. Der Schulbetrieb wurde von den Kolonisten selbst organisiert, offensichtlich aber mit wenig Engagement. Als Lehrer vorgeschlagen wurde jemand, der "Talent" hatte und keine, oder doch keine allzu große "chacra" (= zu bearbeitenden Landbesitz) bewirtschaften musste. Zwischen 1920 und 1923 fungierte Frau Maria Egg-Miller in dieser Funktion in der "Kolonie" (= Pozuzo-Zentrum). Sie sprach in der Schule fast nur ihren deutschen Dialekt. Als sie um etwa 1923 wegzog, kamen zwei peruanische Lehrer aus Panao nach Pozuzo. Die Kommunikationsprobleme zwischen ihnen und den Schülern lösten sich anscheinend dadurch, dass die Lehrer noch im selben Jahr an Gelbfieber starben. (Da hatten aber schon zahlreiche Väter ihre Kinder aus der Schule genommen). Offiziell gab es damals eine fünfklassige Schulpflicht, tatsächlich gingen die Kinder durchschnittlich zwei Jahre zur Schule, weil ihre Arbeitskraft zu Hause benötigt wurde.

Nach dem Weggang Frau Eggs wurde Herr Josef Schuler-Föger aus Huacamayo zum Unterrichten überredet (in Prusia-Victoria). Man nannte ihn José Alemán, und auch er unterrichtete auf deutsch. (Seine Spanischkompetenz erwarb er sich autodidaktisch durch das Studium seines deutsch-spanischen Wörterbuchs). Anscheinend bekam er ein staatliches Gehalt, doch als dieses nach einem Jahr ausblieb und sich von den Vätern seiner Schüler keiner bereit fand, auf Josés Chacra zu arbeiten, musste er den Unterricht wieder aufgeben.

Jetzt gab es in Pozuzo keinen Lehrer mehr. Über Vermittlung von Pfarrer Eggs Nachfolger, dem aus Gschnitz stammenden Franz Schafferer, wurde Fräulein Carolina Egg ein Studium bei den Franziskanerschwestern in Columbien ermöglicht. Sie begann ihre Unterrichtstätigkeit in Pozuzo um 1930 und wurde schon während der fünf Jahrzehnte ihres Wirkens zur Legende. Sie hatte drei Schulen zu betreuen: in der "Kolonie", in Prusia-Victoria und in Yanahuanca. Die auf einem Pferd zu ihren Wirkungsstätten reitende Lehrerin unterrichtete an jeder dieser Schulen zwei Tage. Neben dem offiziellen Unterricht in spanischer Sprache bot sie auf privater Basis auch gut besuchte Deutschkurse an. In ihrem Elternhaus im abseits des Zentrums gelegenen Palmira wurde sie dabei auch nicht gestört, nachdem 1942 in Peru Deutsch als Schulsprache verboten worden war.

In den Jahren zwischen José Alemán und Fräulein Caroline gab es als einzigen Unterricht die religiöse Unterweisung durch Pfarrer Franz Schafferer, ebenfalls auf deutsch und je einmal pro Woche in den genannten Schulen. Einziges Unterrichtsmittel war der Katechismus, dessen lose Blätter jedes Mal, wenn ihn der ungeduldige Pfarrer gegen einen Schüler schleuderte, im Klassenraum umherstoben.

Wenn auch unter den vielen Dingen, die die Auswanderer in die neue Heimat mitgebracht hatten, sich neben "ein paar Gebetbüchern, Brevieren" hin und wieder auch eine spanisch-deutsche Grammatik befand, dürfte bis 1930 der ungesteuerte Erwerb der Landessprache vorgeherrscht haben, indem man sich Spanischkenntnisse weder aus Grammatiken, noch aus Wörterbüchern, noch in besonders ergiebiger Form im Schulunterricht angeeignet hat, sondern im Umgang mit indianischen Landarbeitern, sofern am elterlichen Hof welche beschäftigt wurden. Man lernte etwas Spanisch auch vom eigenen Vater, vor allem dann, wenn der nicht viel Land hatte und deshalb für andere Leute viel mit "cargas" (Maultierlieferungen) auf den Saumpfaden unterwegs war. Oft merkten Pozuziner aber erst im Jünglingsalter (Frauen waren wegen der prekären Reisebedingungen weniger mobil) im 70 km entfernten Huancabamba, wohin man damals noch drei bis vier überaus anstrengende Tage benötigte, dass man in Peru auch spanisch verstehen musste. Dann hat man es eben "langsam, langsam" im Umgang mit spanischsprachigen Leuten gelernt, deren Anteil durch die wachsende wirtschaftliche Attraktivität Pozuzos langsam größer wurde.

Heute gibt es im weitläufigen Siedlungsgebiet von Pozuzo 70 Volksschulen ("Primarias") und zwei Oberstufenschulen (je eine "Secundaria" im Zentrum und in Codo del Pozuzo), doch Qualität und Kontinuität der Ausbildung lassen immer noch zu wünschen übrig. Laut Gesetz besteht in Peru eine elfjährige Schulpflicht. Von den jährlich etwa 500 Erstklasslern beenden aber nur ca. 150 die sechsklassige Primaria, und nur ca. 50 treten in die fünfklassige Secundaria ein, die von rund 10 Schülern auch tatsächlich beendet wird. Der Deutschunterricht hat nur im Zentrum eine gewisse, bis in die Grüdungszeit der Kolonie zurückreichende Tradition. Seit bald 20 Jahren wird unter Beteiligung österreichischen Engagements (Einzelpersonen und Institutionen) eine Etablierung des vorher auf privater Basis erteilten Deutschunterrichts an den Schulen von Pozuzo-Zentrum und Prusia versucht. Doch auch die Kontinuität dieses Unterrichts unterliegt nach wie vor vielen Unwägbarkeiten.

Quellen:

SCHABUS, Wilfried (1998): Kontaktlinguistische Phänomene in österreichischen Siedlermundarten Südamerikas. In: Ernst, Peter / Franz Patocka (Hg.): Deutsche Sprache in Zeit und Raum. Festschrift für Peter Wiesinger zum 60. Geburtstag. Wien, S. 125-144.


SCHABUS, Wilfried (1998): Konfession und Sprache in südamerikanischen Kolonisationsgebieten mit österreichischem Siedleranteil. In: Bauer, Werner / Hermann Scheuringer (Hg.): Beharrsamkeit und Wandel. Festschrift für Herbert Tatzreiter zum 60. Geburtstag. Wien, S. 249-280.

 "DORF TIROL" / Colônia Tirol, Brasilien ES

Von Karl Ilg wurde die Streusiedlung als "Dorf Tirol" beschrieben (Ilg, Heimat Südamerika, Wien 1982. S. 143). Die offizielle Bezeichnung ist Colônia Tirol de Santa Leopoldina. Lage: im brasilianischen Bundesstaat Espirito Santo auf 20°10' südl. Breite und 40°35' westl. Länge in bergigem Gelände zwischen 600-800 m ü.d.M. Der nördliche Teil der Colônia Tirol heißt heute California. Die Höfe von Tirol-California liegen in isolierter Einzellage, ein Siedlungszentrum hat sich erst in den vergangenen Jahren herausgebildet (Wirtschaftshilfe durch das Land Tirol).

Besiedlungsgeschichte: Brasilien zog schon in den 20-ern des 19. Jahrhunderts zahlreiche Europäer an, darunter auch viele Tiroler, die sich als Söldner für das Bataillon Kaiser Pedros I. anwerben ließen. Zu einer verstärkten bäuerliche Zuwanderung kam es auch hier erst nach 1850; aus ähnlichen Gründen wie in Peru (s. Pozuzo) wurde die Einwanderung staatlich gefördert. Dazu kam, dass Brasilien damals die Einfuhr von afrikanischen Sklaven aufgeben musste und deshalb auf Ersatz durch andere Landarbeiter angewiesen war, um den Fortbestand der Kaffeeproduktion sicherzustellen. Die im Kolonisationsgebiet von Santa Leopoldina ab 1857 angesiedelten europäischen Immigranten waren allerdings keine auf feudal verwalteten Großländereien eingesetzten Lohnarbeiter, sondern sogenannte "Regierungskolonisten", die als vom Staat mit Sonderprivilegien ausgestattete Erstsiedler das ihnen zugewiesene Land eigenverantwortlich in Arbeit nahmen.

Herkunftsprofil der Zuwanderer: 1857 immigrierten 104 Schweizer, dann 120 Holländer sowie zahlreiche Katholiken aus dem Hunsrückgebiet in das Siedlungsgebiet von Santa Leopoldina. 1859 kamen 70 Luxemburger sowie 82 Tiroler hinzu (vorwiegend dem aus Stubai- und Oberinntal). 1860 kamen katholische Westfäler an. Das Munizip Santa Leopoldina hatte damals 1.003 Einwohner, fast 600 davon waren Deutsche oder Österreicher.

Konfessionelle Verhältnisse: Brasilien ist wegen seiner portugiesischen Kolonialgeschichte ein katholisches Land. Von den Zuwanderern war im Munizip Santa Leopoldina im Jahre 1860 nur ein Drittel katholisch, die Mehrheit war protestantisch. Dieses Verhältnis verschob sich noch weiter zugunsten der Protestanten durch eine starke Zuwanderung aus Hinterpommern in den 1870-ern. Es bestand eine ausgeprägte Konfessionsschranke zwischen den katholischen Tirolern, den sogenannten "Hundsbucklern" (aus dem Hunsrück), und den Westfalen einerseits sowie den lutherischen Pommern anderseits.

Verkehrslage: Bis Santa Leopoldina-Stadt (heute etwa 1.400 Einwohner; früherer Name Porto do Cachoeiro = "Flußhafen an der Stromschnelle") war der Santa-Maria-Fluss mit Lastkähnen befahrbar, weshalb hier ein Warenumschlagplatz angelegt wurde, von wo man die Produkte der Kolonie (hauptsächlich Kaffee) die 65 km flussabwärts zur Hafenstadt Vitória transportierte. Von der 600 m höher gelegenen Colonia Tirol bis Santa Leopoldina sind es 17 km (Erdstraße; steil, bei Nässe unpassierbar, dann über Mangaraí, 28 km, ebenfalls z.T. exponierte und bei Nässe problematische Erdstraße; Stand 1992). Von S.L. bis Vitória ca. 55 km Asphaltpiste. Rio de Janeiro liegt ca. 500 km weiter im Süden.

Einwohner: Das Munizip Santa Leopoldina hat heute ca. 11.000 Einwohner, rund 70% davon sind deutschstämmig (aus dem nieder-, westmittel-, und oberdeutschen
Raum; unter ihnen leben vereinzelt einige Pommern). Das Siedlungsgebiet von Tirol- California hat ca. 450 Einwohner, von denen etwa 80% eine deutsche Familientradition haben. (Als herkunftsmäßig unvermischt tirolstämmig können heute allerdings nur noch die älteren Nachkommen des Stammhauses der Familie Siller gelten). - Pommern: Die aus dem Kreis Regenwald im ehemaligen Ostpommern zugewanderten Protestanten zählen heute etwa 25.000. Sie haben sich durch die Gründung eines eigenen Munizips von Santa Leopoldina politisch abgespaltet. In dem Hauptort des gleichnamigen Munizips, Santa Maria de Jetibá (ca. 2.500 Einwohner), fungiert bei der mittleren und älteren Generation noch "pommisch" als städtische Umgangssprache. Die Kirchensprache der Pommern ist das Standarddeutsche (s.u.).

Wirtschaft: In Santa Leopoldina ist sie seit langem stagnierend (erschöpfte Böden; mögliche Alternativen zur unrentabel gewordenen Kaffeeproduktion haben nicht gegriffen). Wirtschaftlich bedingt gibt es eine starke Abwanderung. Seit 1993 erlebt das "Dorf Tirol" vom Land Tirol eine verstärkte Wirtschaftshilfe.

Schule: Wegen der exponierten Verkehrslage und dem Bedarf an Kinderarbeit absolvieren die Kinder im Regelfall nur die vierjährige Unterstufe. Früher gab es in der Colonia Tirol eine Konfessionsschule mit Deutschunterricht durch katholische Priester des Steyler Missionsordens. Dieser Unterricht wurde in den 1930-ern eingestellt. Im Ortsteil California gab es noch in den 40-ern deutschsprachige Lehrer. Im Kriegsjahr 1942 kam es in Brasilien zum Verbot des Deutschen in den Schulen. Seit 1969 gibt es in der Colonia Tirol eine von dem im Jahre 2000 verstorbenen Innsbrucker Universitätsprofessor Dr. Karl Ilg gegründete Privatschule, in der es 1997 wieder einen Deutschunterricht durch einen von einem österreichischen Verein bezahlten örtlichen Lehrer gab.

Kirche: Bei den Pommern sowie bei den Protestanten der Nachbarkolonie Luxemburgo ist die Kirchensprache das Deutsche (inhaltliche Zusammenfassung der Predigt sowie kirchliche Verlautbarungen auf portugiesisch). Bei den Katholiken ist hingegen schon seit etwa 1940 die Kirchensprache das Portugiesische, ebenso bei den von deutschsprachigen Laienpredigern gehaltenen Andachten.

Das Tirolische im Dorf Tirol: Das "Dorf Tirol" wurde im selben Jahr wie Pozuzo gegründet. Bedingt durch die starke Abwanderung gibt es hier allerdings nur noch die Geschwister Siller, die aus einer unvermischt "tirolischen" Familie stammen (und nicht z. B. aus einer tirolisch-westfälischen). Während hier als Kirchensprache vermutlich schon länger als in Pozuzo die Landessprache fungiert, ist dialektales Deutsch als Medium der familiären und nachbarschaftlichen Kommunikation im Dorf Tirol und den angrenzenden Gemeinden bei der älteren und häufig auch noch bei der mittleren Generation durchaus in Gebrauch. (Bei den Kindern ist es heute meist so, dass sie ab dem Schuleintritt den Gebrauch des elterlichen Dialekts meiden, da die Landessprache für sie den höheren Prestigewert hat).
Diese sprachliche Beharrsamkeit wurde durch das Fehlen eines Zentrums in dem durch Einzelhöfe geprägten Siedlungsgebiet sowie auch dadurch gefördert, dass die schon bald nach der Jahrhundertwende einsetzende wirtschaftliche Verödung der Kolonien die brasilianische Zuwanderung nicht begünstigt hat. Noch entscheidender ist aber der Umstand, dass im Kolonisationsgebiet von Santa Leopoldina das deutschsprachige Element zahlenmäßig stark war.
Die in den gemischten Siedlungsgebieten wirksam werdenden Konfessionsbarrieren haben vor allem in dem demographisch schwachen Dorf Tirol die genealogische und somit auch die sprachliche Entwicklung entscheidend mitbestimmt. Der Tiroler Dialekt präsentiert sich heute im Dorf Tirol im wesentlichen nur noch idiolektisch (also bei einzelnen Persönlichkeiten, bei diesen allerdings in beeindruckend authentischer Form). Natürlich weisen aber auch diese Sprecher neben den zu erwartenden landessprachlichen Interferenzen auch noch domänenspezifische Innovationen aus dem westmitteldeutschen Siedleranteil auf.

Quellen:

SCHABUS, Wilfried / Alexander SCHLICK: Colônia Tirol. Eine Tiroler Siedlung in Brasilien. Innsbruck: Edition Tirol 1996.

SCHABUS, Wilfried (1998): Konfession und Sprache in südamerikanischen Kolonisationsgebieten mit österreichischem Siedleranteil. In: Bauer, Werner / Hermann Scheuringer (Hg.): Beharrsamkeit und Wandel. Festschrift für Herbert Tatzreiter zum 60. Geburtstag. Wien, S. 249-280.

 DREIZEHNLINDEN / Treze Tilias, Brasilien SC

Dreizehnlinden liegt im Landesinnern des südlichen brasilianischen Bundesstaates Santa Catarina auf 27° südl. Breite und 51,5° westl. Länge.

Gründungsgeschichte: 1933 waren 557.000 Österreicher arbeitslos. Das Kolonieprojekt wurde finanziell gefördert von der 1933 zur Existenzsicherung der von der Wirtschaftskrise am schwersten betroffenen Bevölkerungsgruppen ins Leben gerufenen "Österreichischen Auslandssiedelgesellschaft zur Gründung und Führung von geschlossenen Siedlungen im Ausland". Die Förderung war notwendig geworden wegen der restriktiven Einwanderungspolitik des von der Weltwirtschaftskrise ebenfalls betroffene Brasilien. Präsident der Gesellschaft war der Obmann des Tiroler Bauernbundes und vormalige österreichische Landwirtschaftsminister Andreas Thaler (geb. 1883). Von 1933 bis zum Anschlussjahr 1938 wanderten in insgesamt 14 Transporten fast 800 Österreicher nach Brasilien aus. Der mitausgewanderte "Minischtr" (Thaler) wurde zum Chef der Kolonie (Unfalltod 1939).
Der Ort Dreizehnlinden ist heute (Stand 1992) der städtische Siedlungskern eines Siedlungsgebietes, das in 14 "Linhas" bzw. "Kolonien" aufgeteilt ist; Gesamtausdehnung 157 km² (wie Liechtenstein). Malaria- und gelbfieberfreies hügeliges Gelände, durchschnittliche Höhenlage ca. 800m ü.d.M. Ca. 5.000 Einwohner (Österreich- und Italienstämmige sowie Lusobrasilianer).

Österreichische Zuwanderung: Ca. 560 Personen aus Tirol (davon mehr als 300 aus dem Unterinngebiet), 60 Personen aus Vorarlberg, 47 aus Salzburg, 34 aus Oberösterreich, 32 aus Wien, 26 aus Niederösterreich, 12 aus der Steiermark, 2 Bgl., 1 aus Kärnten. (Ab-/Rückwanderer nicht berücksichtigt). - Italienische Zuwanderung: Bis 1950 aus Rio Grande do Sul (brasilianische Binnenwanderung von 1875 immigrierten Venetern).

Wirtschaft: Krisensituation (und dadurch bedingte Abwanderung) bis 1969. Überwindung der Krise durch Gründung von landwirtschaftlicher Genossenschaft und Molkerei. Heute Milchwirtschaft, Maisproduktion, Mate, Schweine- und Geflügelmast. Aufstrebender Tourismus. - Verkehrslage: Seit 1984 Asphaltstraße. Milchauslieferung in betriebseigenen LKW bis São Paulo (ca. 600 km).
Schule (Stand 1992): Trotz des saisonalen Bedarfs an Kinderarbeit (Mateblätter-Ernte im Wald) ist das Bildungsinteresse in der Bevölkerung vergleichsweise hoch. Deutschunterricht gibt es nur im Zentrum. In der Vorschule, dem dreistufigen "Pre", gibt es täglich eine Stunde Betreuung in deutscher Sprache. Auf Betreiben des Goethe-Institus ist Deutsch in der Unterstufe nunmehr Pflichtfach. In der als Abendschule organisierten Oberstufe (Segundo Grau, 3 Jahrgänge) wird Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. - Seit 1969 gibt es eine Privatschule ("Dr.-Karl-Ilg-Schule"); seit 1994 wird hier wieder regelmäßig Deutschunterricht angeboten (Lehrer aus Bayern, Südtirol, Österreich).

Kirche (Stand 1992): Pfarrer Italobrasilianer. Er hat sich in 13L Deutschkenntnisse erworben. Messen auf portugiesisch; am Sonntag eine zweite Messe mit Lesung des Evangeliums durch Laien auf deutsch. Einmal monatlich eine Messe auf deutsch durch den Pfarrer selbst.

Quellen:

SCHABUS, Wilfried (1998): Kontaktlinguistische Phänomene in österreichischen Siedlermundarten Südamerikas. In: Ernst, Peter / Franz Patocka (Hg.): Deutsche Sprache in Zeit und Raum. Festschrift für Peter Wiesinger zum 60. Geburtstag. Wien, S. 125-144.

REITER, Martin u.a. (1993) : Dreizehnlinden. Österreicher im Urwald. Schwaz.

 LLANQUIHUE, Chile

Die deutschsprachige Kolonisation in Chile konzentrierte sich auf die Provinzen Valdivia und Llanquihue. In Lllanquihue bildete sich ein sozusagen "tirolischer" Siedlungsschwerpunkt heraus, nämlich in der kleinen Streusiedlung Los Bajos (zu Frutillar gehörig) am westlichen Ufer des Sees Llanqihue. - Geographische Lage von Frutillar: Südliches Chile (X. Region), ca. 41° 5' südl. Breite und 72°55' westl. Länge, zwischen 100 und 200 m ü.d.M.

Besiedlungsgeschichte: Das Jahr 1846 markiert den Beginn der staatlich geförderten Immigration in Chile mit der Einwanderung von 40 Personen aus Hessen nach Valdivia. Ab 1853 kam es dann auch zur Kolonisation des landwirtschaftlich nutzbaren Landes am See Llanquihue mit Zuwanderern aus fast allen Teilen Deutschlands. Bis 1860 dauerte die Hauptphase der kolonisatorischen Erschließung der Provinzen Valdivia und Llanquíhue mit insgesamt etwa 3.200 deutschen Einwanderern. (Weiteres s.u. "Sozialprofil").

Verkehrslage: Günstig. Vom Südende des Sees sind es weniger als 20 km nach Puerto Montt (See- und Flughafen). Die früher wichtige Schifffahrt am Lago Llanquíhue wurde nach dem Ausbau des Straßennetzes eingestellt.

Das tirolische Siedlerelement: 1856 und 1860 kam es zur Zuwanderung von 12 schlesischen protestantischen Familien tirolischer Abstammung, insgesamt ca. 70 Personen. 19 von ihnen waren noch in Tirol geboren. Sie gehörten zu den 1837 aus dem Tiroler Zillertal vertriebenen lutherischen "Inklinanten" (s. Gasteiger, Gustav v.: Die Zillerthaler Protestanten und ihre Ausweisung aus Tirol. Meran 1892). Bei der Auswanderung nach Chile waren sie bereits preußische Staatsbürger und hatten schon 19 bzw. 23 Jahre in Schlesien verbracht.

Konfessionelle Verhältnisse: Chile ist wegen der spanischen Kolonialgeschichte ein katholisches Land. Bis 1857 wanderten jedoch hauptsächlich Protestanten ein. Das änderte sich 1858 mit der Zuwanderung von 113 katholischen Westfälern. 1873-75 gab es dann eine starke Zuwanderung von Katholiken aus dem Böhmerwald.

Sozialprofil und politische Integration der Einwanderer: Im Gegensatz zu Pozuzo in Peru oder der Colonia Tirol in Brasilien suchten in Chile nicht (nur) verarmte Wirtschaftsflüchtlinge eine neue Existenz, sondern vor allem mittelständische Bauern, Handwerker, Kaufleute, Gewerbetreibende, Unternehmer und Intellektuelle, unter ihnen viele politisch und religiös liberal gesinnte, von der absolutistischen Restauration nach dem Revolutionsjahr 1848 enttäuschte "Freidenker". Daneben wanderten auch viele gläubige Protestanten aus fast allen Teilen Deutschlands ein, unter ihnen eben auch jene zwölf tirolstämmigen Familien aus Schlesien, deren Vorfahren im Jahre 1837 ihres lutherischen Glaubens wegen aus dem Zillertal vertrieben worden waren. Auch die eingewanderten Schwaben waren nicht dem Katholizismus verpflichtet, sondern einer pietistischen Tradition.
Unter den mit dem Hamburger Segelschiff "Hermann" am 13. November 1850 im Hafen von Corral (Valdivia) gelandeten 95 Einwanderern befand sich auch der Apotheker Carl Anwandter, der 1847 im preußischen Landtag (als Vertreter der Mark Brandenburg) und 1848 Mitglied der preußischen Nationalverammlung gewesen war und im Jahre seiner Auswanderung eine Apotheke in der Stadt Calau betrieb, in der er auch die Funktion des Bürgermeisters bekleidete. Er war jedoch kein Anhänger des evangelisch-deutschen Landeskirchentums, dafür verband ihn viel mit der freireligiösen Gesellschaft der "Lichtfreunde".
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass sich Anwandter gleich nach seiner Landung an die Spitze einer Immigrantendelegation stellte, um vom Regierungsvertreter Vicente Pérez Rosales klare Anworten auf seinen berühmt gewordenen 18-teiligen Fragenkatalog einzuholen, der nach Erkundigungen über die Pflichten der Immigranten (Frage 1: "Welche Wege hat der Einwanderer einzuschlagen, um chilenischer Bürger zu werden?") schon im vierten Punkt auf die Haltung der Regierung gegenüber den nicht-katholischen "Dissidenten" Bezug nimmt: "Wenn einige Dissidenten unter [den Einwanderern] sind, werden sie zur Aufgabe der Religion ihrer Väter verpflichtet werden", und können sich, Punkt fünf, "Dissidenten untereinander verheiraten?"
Rosales, beeindruckt von dem Auftreten der Ankömmlinge und in der Erkenntnis, dass hier "nicht arme, von der Not getriebene Einwanderer" gekommen waren, sondern "vermögende, gesittete und zum Teil hochgebildete Leute", beantwortete den Fragenkatalog zur Zufriedenheit der Einwanderer (und erwirkte von der Regierung nachträglich die Bestätigung seiner aus eigener Machtvollkommenheit gemachten Zusagen). Erst jetzt formulierte Anwandter im Namen der Zuwanderer seine heute auch auf spanisch so häufig zitierte Loyalitätserklärung, die mit den Worten beginnt: "Wir werden ebenso ehrliche und arbeitsame Chilenen sein, wie nur der beste von ihnen es zu sein vermag."

Schule (Stand 1996): Das Instituto Alemán in Frutillar beherbergt acht Klassen Unterstufe, ein Internat und eine Vorschule. Es steht im Schulverband mit der Oberstufenschule und dem Lehrerausbildungsseminar in Puerto Montt. Beide Einrichtungen sind von Deutschland aus geförderte Privatschulen. Die Lehrer von Frutillar - bis vor kurzem kamen sie meist aus Deutschland - verdienen hier mehr als an den staatlichen chilenischen Schulen. Anfang der 1960-er Jahre wurden noch alle Fächer außer Spanisch auf deutsch unterrichtet. Durch den guten Ruf der Schule wurde sie auch für immer mehr chilenische Schüler interessant. Heute hat die Schule 150 Schüler. Die Mehrzahl von ihnen trägt deutsche Familiennamen, jedoch sprechen nur zehn dieser Schüler auch zu Hause im Kreise ihrer Familien deutsch. Heute wird in Frutillar das Deutsche als Fremdsprache unterrichtet (7 Wochenstunden), die übrigen Fächer auf spanisch. - Englischunterricht: 3 Wochenstunden ab der 5. Klasse. Im Alter von fünf Jahren treten die Kinder in die Vorschule ein, wo sie durch Lieder und Spiele an das Deutsche gewöhnt werden. - Die Kirchensprache ist bei den Protestanten der Region das Deutsche (die protestantischen Pastoren kommen bis heute aus Deutschland).

Geschichte des Deutschen in Chile - Verdrängung der Dialekte: In Llanquihue gab es eine fast ausschließlich deutsche Zuwanderung, aus der sich heute im wesentlichen die ökonomische Oberschicht konstituiert. Während ethnokulturelle Aspekte sowohl das Selbstwertgefühl der Protestanten als auch das der Katholiken kennzeichneten, kam es bei ersteren durch die erklärte Zuständigkeit der Kirchengemeinde für nationale Belange zu einer Koppelung von konfessionellem und ethnischem Selbstverständnis. Durch die Tradition der deutschen Kirchen- und Schulsprache und der in diesen Domänen ständigen engen - auch personellen - Anbindung an Deutschland wurde bei den Protestanten die deutsche Standardsprache zu einem starken Symbol ihrer ethnokulturellen Identität, was den Spracherhalt förderte. (Zwar haben auch die Katholiken bis heute Seelsorger aus dem deutschsprachigen Ausland, und es gab auch bei ihnen durch den Willen zur Traditionsbewahrung motivierte Schulgründungen, doch haben die ethnos-übergreifende Zuständigkeit der Missionare, die lateinische und spanische Kirchensprache und die daraus abzuleitende Nicht-Zuständigkeit der katholischen Kirchengemeinden für "nationale" Symbole den Wechsel zur spanischen Landessprache begünstigt.)
Heute gibt es bei den Deutschsprachigen Chiles jedenfalls keine mit Pozuzo in Peru oder mit dem "Dorf Tirol" in Brasilien vergleichbare dialektale Schichtung, sondern eine bilinguale Kompetenz, deren deutsche Komponente die Standardsprache ist. Unterschiede in der individuellen normsprachlichen Kompetenz definieren sich hier nach der Beeinflussung durch die spanische Landessprache. Denn die Anspruchshaltung der gebildeten Deutschsprachigen in Chile bedingt ein sprachliches Bewusstsein, das pragmatisch nicht begründbare Transferenzen aus der spanischen Kontaktsprache als Normverletzungen des Deutschen klassifiziert, wofür man den Begriff "Launadeutsch" geprägt hat (nach der deutschsprachigen Landbevölkerung an der Laguna Llanquihue). Dieser Begriff symbolisiert zwei wesentliche Interferenzphänomene, nämlich Entlehnung aus der Kontaktsprache (konkret des span. laguna für "See") sowie lautliche Integration der entlehnten Form (konkret als "Launa"), was seinerseits wiederum als eine Normverletzung gegenüber der Kontaktsprache begriffen wird.
Die spezifischen Bedingungen im Kolonisationsgebiet führten hier zu einer Verdrängung der Dialekte, die in den zwanziger Jahren schon weitgehend vollzogen war. Das tirolische Element war zudem durch den zwanzigjährigen Zwischenaufenthalt der Inklinanten-Nachfahren in Schlesien entscheidend geschwächt. Trotzdem konnte man bis vor einigen Jahren gelegentlich noch den folgenden Appell an ein verloren gegangenes tirolisches Wir-Gefühl hören: Via zain dåch Thiroola! ("Wir sein doch Tiroler!"). Die lautliche Realisierung dieses Solidaritätsmarkers (labiodentales v-, stimmhafter s-Anlaut, aspiriertes th-) zeigt aber deutlich auch die verlorengegangene dialektale Kompetenz.

Quelle:

SCHABUS, Wilfried (1998): Konfession und Sprache in südamerikanischen Kolonisationsgebieten mit österreichischem Siedleranteil. In: Bauer, Werner / Hermann Scheuringer (Hg.): Beharrsamkeit und Wandel. Festschrift für Herbert Tatzreiter zum 60. Geburtstag. Wien, S. 249-280.

Literaturhinweise:

ILG, Karl (1976): Pioniere in Argentinien, Chile, Paraguay und Venezuela. Innsbruck, Wien, München: Tyrolia.

ILG, Karl (1982): Heimat Südamerika. Brasilien und Peru. Leistung und Schicksal deutschsprachiger Siedler. Innsbruck, Wien: Tyrolia.

REITER, Martin / RAMPL, Monika / HUMER, Andreas (1993) : Dreizehnlinden. Österreicher im Urwald. Schwaz.

SCHABUS, Wilfried: POZUZO. Varietätenausgleich und Sprachkontakt in einer deutschen Sprachinsel in Peru. In: Mundart und Name im Sprachkontakt. Festschrift für Maria Hornung zum 70. Geburtstag. Wien 1990. (= Beiträge zur Sprachinselforschung. Bd. 8, 205-233).

SCHABUS, Wilfried und Alexander SCHLICK: Colônia Tirol. Eine Siedlung in Brasilien. Innsbruck: Edition Tirol 1996

SCHABUS, Wilfried (1994): Beobachtungen zu Sprachkontakt, Varietätenausgleich, Sprachloyalität und Sprachwechsel in Pozuzo (Peru) und bei den „Landlern“ in Siebenbürgen. In: Berend, Nina u. Klaus J. Mattheier (Hrsg.): Sprachinselforschung. Eine Gedenkschrift für Hugo Jedig. Frankfurt M., S. 221-262.

SCHABUS, Wilfried (1997): Der Weg zum Pozuzo. Eine zweijährige Reise von Tiroler Emigranten in eine hundertjährige Isolation. In: Veröffentlichungen des Tiroler Heimatmuseums Ferdinandeum 77, S. 103-124. [Mit Bildern und Skizzen]

SCHABUS, Wilfried (1996): Kontaktlinguistische Aspekte bei Tiroler Siedlergruppen in Pozuzo (Peru), Santa Leopoldina (Brasilien ES) und Dreizehnlinden (Brasilien SC). In: Tiroler Heimat. Jahrbuch für Geschichte und Volkskunde. 60. Bd. Innsbruck 1996. S. 221-227.

SCHABUS, Wilfried (1998): Kontaktlinguistische Phänomene in österreichischen Siedlermundarten Südamerikas. In: Ernst, Peter und Franz Patocka (Hrsg.): Deutsche Sprache in Zeit und Raum. Festschrift für Peter Wiesinger zum 60. Geburtstag. Wien, S. 125-144.

SCHABUS, Wilfried (1998): Konfession und Sprache in südamerikanischen Kolonisationsgebieten mit österreichischem Siedleranteil. In: Bauer, Werner und Hermann Scheuringer (Hrsg.): Beharrsamkeit und Wandel. Festschrift für Herbert Tatzreiter zum 60. Geburtstag. Wien, S. 249-280.

SCHABUS, Wilfried (1999): Der Geistliche mag herkommen wo er will, wann er nur ein Richtiger währ'. In: das Fenster. Tiroler Kulturzeitschrift. 33. Jg. Heft 67. Innsbruck Frühjahr 1999, S. 6403-6418. [Mit Bildern]

SCHMID-TANNWALD, Karl: Pozuzo. Vergessen im Urwald. Ein Bericht aus Peru. Wien 1957.

SCHÜTZ-HOLZHAUSEN, Kuno Damian Freiherr von: Der Amazonas. Wanderbilder aus Peru, Bolivia und Brasilien [...] unter besonderer Berücksichtigung der vom Verfasser gegründeten tirolisch-rheinländischen Kolonie Pozuzo. Freiburg i. Br. 1895.

WENCELIDES, Birgit: Tiroler Bauern in Peru - Die Gründung der Kolonie Pozuzo und ihre Entwicklung bis heute. Diplomarbeit an der Technischen Universität München, Fachbereich für Landwirtschaft und Gartenbau. München 1986.