|
Pozuzo
Dorf Tirol
Dreizehnlinden
Llanquihue
POZUZO,
Peru
Pozuzo-Centro (von den Alten daneben auch noch "die Kolonie"
genannt) ist das dörfliche Zentrum des etwa 1.500 km²
großen Distrikts Pozuzo. Pozuzo liegt am 10. Breitengrad der
südlichen Hemisphäre im tropischen Berg-Regenwaldgebiet
des südamerikanischen Staates Peru auf einer Höhe von
etwa 750 Metern über dem Meeresniveau zwischen zwei dem Amazonasbecken
zustrebenden Ausläufern der östlichen Andenkordillere.
Distrikt und Siedlungszentrum haben ihren Namen nach dem Pozuzo,
dem Hauptfluss des Siedlungsgebietes, dessen Name von dem indianischen
Stamm der Amueshas geprägt wurde und soviel wie "Salzbach"
bedeutet.
Mitte des vorigen Jahrhunderts bestand der - allerdings niemals
realisierte - Plan, die damals schon projektierte Eisenbahnlinie
über den Scheitelpunkt des Andengebirges weiter bis zum Unterlauf
des Pozuzo zu führen und dort an die Wasserwege des Amazonas
anzubinden, um solcherart einen Transportweg von der peruanischen
Hauptstadt Lima quer über den südamerikanischen Kontinent
zu schaffen und vor allem die damals in Europa und Nordamerika unverzichtbaren
Düngemittel Salpeter und Guano zu exportieren.
Zur Besiedlung und Ökonomisierung des Urwaldgebiets, durch
das die geplante Handelsstraße führen sollte, war man
auf ausländische Siedler angewiesen. Im Jahre 1859 begannen
hier wenig mehr als 150 aus Tirol und dem Rheinland angeworbene
Siedler in völliger Abgeschiedenheit eine neue Existenz. Der
Dialekt der Tiroler hat das rheinländische Element bald verdrängt.
Grund dafür waren die zahlenmäßige Überlegenheit
der Tiroler sowie ihr größeres Sozialprestige (sie stellten
den ersten Pfarrer, der zugleich der eigentliche Gründer und
Chef der Kolonie war). Auf Grund der homogenen Herkunft der Tiroler
aus dem Oberinntal dominieren im heutigen "Tirolés"
Pozuzos die sprachlichen Strukturmerkmlae der Dialekte von Haiming
und Silz. (Allerdings hat die spanische Landessprache den Siedlerdialekt
heute schon längst in allen öffentlichen Domänen
abgelöst).
Topo- und demographische Daten: Pozuzo liegt in Peru, Departamento
Pasco. Der aus zwei benachbarten dörflichen Ansiedlungen (Pozuzo-Centro
und Prusia = "Preußen"; wegen des rheinischen Siedleranteils)
bestehende historische Kern des Siedlungsgebiets liegt im Tal des
Rio Huancabamba, unweit des Zusammenflusses mit dem Rio Pozuzo auf
10° 2' südl. Breite und 75° 3' westl. Länge auf
etwa 750 m ü.d.M. Die höchsten Ansiedlungen liegen auf
ca. 2.000 m, die tiefstgelegenen befinden sich in dem seit den 70er
Jahren von Pozuzinern erschlossenen Siedlungsgebiet von Codo del
Pozuzo am Rande des Amazonasbeckens auf unter 300 m Seehöhe.
- Das zum Departamento Pasco gehörige ursprüngliche Siedlungsgebiet
hat 400 km² und ca. 7.000 Einwohner (davon leben ca. 600 im
Zentrum). Der Anteil der Deutsch- bzw. Österreichstämmigen
beträgt heute weniger als 20%. - Einschließlich des neu
erschlossenen Tieflandareals Codo del Pozuzo (Departamento Huánuco)
hat das heutige Siedlungsgebiet von Pozuzo ca. 10.000 Einwohner
und eine Fläche von etwa 1.460 km² (das entspricht der
Ausdehnung Osttirols).
Gründungsgeschichte: Mitte des 19. Jahrhunderts bestand
in weiten Teilen Österreichs und Deutschlands für mittelständische
Bauern und Handwerker ein hoher Auswanderungsdruck. Zu diesen sogenannten
push-Faktoren gehörten: existenzgefährdende steuerliche
Belastung durch neo-absolutistische Fiskalpolitik, Industrialisierung
und Beseitigung der innerösterreichischen Zwischenzollgrenzen,
Verschuldung durch Grundentlastung, politische Frustration nach
dem Revolutionsjahr 1848 usw. - Zugleich bestand bei etlichen südamerikanischen
Staaten ein hoher Bedarf an Zuwanderung mit dem Ziel einer Erschließung
des Landes und der Überwindung feudaler Wirtschaftsstrukturen.
Beides hoffte man durch die Schaffung eines produktiven, unternehmerischen
sozialen Mittelstandes zu erreichen, weshalb man sich zur Anwerbung
europäischer Siedler entschloss (pull-Faktoren).
Im Auftrag der peruanischen Regierung warb der aus Hessen stammende
Freiherr Damian v. Schütz-Holzhausen im damals unter preußischer
Verwaltung stehenden Rheinland um Auswanderungswillige. Sein als
katholisches Unternehmen deklariertes Kolonisierungsprojekt fand
auch in klerikalen Kreisen Tirols Anklang, wo man wie Schütz
von der Notwendigkeit überzeugt war, in der Neuen Welt "dem
verderblichen Einflusse" des protestantischen Nordamerika entgegenzuwirken
und mit Pozuzo den "ersten Kern einer wahrhaft katholischen
Kolonisation" in Südamerika zu gründen.
27. März 1857: Einschiffung von 300 Emigranten in Antwerpen
(180 Tiroler, 120 Rheinländer), darunter Alte und Kleinkinder.
- Gründung Pozuzos erst nach mehr als zweieinhalb äußerst
entbehrungsreichen Jahren am 25. Juli 1859 (offizielles Gründungsdatum)
durch maximal 170 Personen (die übrigen hatten die Gruppe inzwischen
verlassen oder waren gestorben), darunter 65 Rheinländer. Wegen
der absoluten topographischen Isolation drohte das Projekt selbst
jetzt noch zu scheitern.
Verkehrslage: Sehr isoliert. Über 100 Jahre lang waren
die Absatzmärkte nur in mehrtägigen Fußmärschen
auf schwierigen Pfaden über hohe Gebirgszüge erreichbar.
Einen befahrbaren Weg bis Pozuzo-Centro gibt es erst seit 1976.
Heute gibt es auch ein Rollfeld für Kleinflugzeuge, doch ist
der Flugverkehr für Pozuzo-Zentrum von untergeordneter Bedeutung).
- Wirtschaft: Wegen der isolierten Lage war man früher auf
eine die Autarkie gewährleistende Subsistenzwirtschaft angewiesen
(Tierhaltung, Anpflanzungen; Brandrodungssystem mit Fruchtrotation;
fruchtbare Böden). Ab den 1970-ern Zurückdrängung
der Wälder zugunsten der Schaffung von Weideland. Heute Fleischproduktion
(LKW-Lebendviehtransporte nach Lima; fast 500 km, Ticliopaß
4.843 m hoch).
Kirche: Obwohl die Seelsorger nach wie vor meist aus Österreich
oder Südtirol stammen, hat das Deutsche als Kirchensprache
heute keinen besonderen Stellenwert mehr. (Zum Schulwesen s. am
Schluss dieses Kapitels).
Spracherwerb im tropischen Regenwald: Aus verschiedenen
Gründen kam es schon während der Ansiedlungsphase innerhalb
der tirolischen Emigrantengruppe zu einer Dominanz der Oberinntaler
Varietät. Das von Haus aus zahlenmäßig unterlegene
rheinpreußische Element wurde im Jahre 1891 ein weiteres Mal
entscheidend geschwächt, als hauptsächlich "preußische"
Familien in die 1891 gegründete Kolonie Oxapampa weiterzogen,
was durch tribalistische Konflikte zwischen den beiden Einwanderergruppen
mitbedingt war. Heute lassen sich im autochthonen Dialekt Pozuzos
nur noch wenige Reflexe des Rheinländischen nachweisen. Der
pozuzotirolische Dialekt existiert als Medium der privaten Kommunikation
heute noch bei Vertretern der ältesten Generation der Immigrantennachfahren,
in allen öffentlichen Domänen herrscht hingegen schon
seit langem die spanische Landessprache. Rudimentäre passive
Dialektkenntnisse sind auch bei der mittleren Generation noch vorhanden,
in Ausnahmefällen auch noch bei Kindern aus besonders traditionsgebundenen
Familien oder aus abseits des Zentrums in einem deutschsprachig
besiedelten Umfeld gelegenen Häusern (z.B. Delfin, Yanahuanca,
Santa Rosa).
Wenn auch die zahlenmäßige Überlagerung des deutschstämmigen
Siedlerelements schon vor der Vollendung eines befahrbaren Weges
nach Pozuzo-Zentrum (1975) begann, hat die geographische und verkehrstechnische
Isolation doch lange Zeit den Erhalt des autochthonen Dialekts in
Pozuzo gefördert. Als um etwa 1890 von einem deutschstämmigen
Unternehmer aus Lima in Pozuzo eine Kokainfabrik errichtet wird
und die Kolonisten deshalb Cocaplantagen anlegen, lernen die darauf
beschäftigten "Indianer Deutsch verstehen, einige es auch
sprechen", wie in einem Bericht aus dem Jahre 1892 festgestellt
wird (die Cocafabrik ging aber bereits 1897 pleite).
Wenn diesem Bericht zufolge im Jahre 1892 "der Schulunterricht
[auch] in deutscher Sprache erteilt" wird, dürfte als
Lehrperson für Deutsch wohl der Tiroler Koloniegründer
Pfarrer Egg oder eine seiner mit ihm emigrierten Nichten fungiert
haben. Der Bericht stellt aber fest, dass "auch Spanisch gelehrt
wird", wenngleich aus dem Wortlaut nicht hervorgeht, ob ein
peruanischer Lehrer den Hauptunterricht auf spanisch hielt und daneben
(von Egg oder jemand anderem) auch das Fach "Deutsch"
angeboten wurde oder umgekehrt. Bereits 30 Jahre vor diesem Bericht
schreibt Egg jedenfalls, dass er den Schulunterricht "bisher
immer selbst ertheilen" musste, erwähnt aber auch, dass
"neuestens [Ende 1862] die Regierung einen Lehrer bewilligt"
habe, "natürlich einen spanischen". Diesem werde
er, Egg, anfangs "an der Seite stehen müssen", wenngleich
andererseits die Kinder "doch schon mehr oder weniger etwas
spanisch" verstünden.
Fast dreißig Jahre später erwähnt der Tiroler Theologe
Joseph Schöpf, der mit Egg in brieflichem Kontakt stand, zwei
Schulen in der Kolonie, in denen sowohl spanisch als auch deutsch
unterrichtet würde. Leider aber müsse auf Grund der unregelmäßigen
Gehaltsauszahlungen seitens der Behörde mit dem baldigen "Eingehen"
der Schulen gerechnet werden.
Die Regelmäßigkeit der schulischen Betreuung im entlegenen
Pozuzo ließ auch später noch zu wünschen übrig,
und auch der deutsche Reisende Karl Schmid-Tannwald berichtet etwas
ironisch von dem damaligen (Stand 1955) peruanischen Lehrer von
Prusia, der immer nur so lange blieb, "wie seine Gehaltszahlungen
regelmäßig eintreffen." (Wie ein "deutscher"
Lehrer seinen Beruf ohne Bezahlung ausgeübt hätte, verrät
Tannwald allerdings nicht).
Für die zwanziger Jahre ergibt sich aus den Oral-history-Recherchen
bei vier meiner zwischen 1914 und 918 geborenen Gewährspersonen
folgendes Bild von der sprachlichen Situation und dem schulischen
Alltag jener Zeit: Es gab damals keine ausgebildete (peruanische)
Lehrkraft in Pozuzo. Der Schulbetrieb wurde von den Kolonisten selbst
organisiert, offensichtlich aber mit wenig Engagement. Als Lehrer
vorgeschlagen wurde jemand, der "Talent" hatte und keine,
oder doch keine allzu große "chacra" (= zu bearbeitenden
Landbesitz) bewirtschaften musste. Zwischen 1920 und 1923 fungierte
Frau Maria Egg-Miller in dieser Funktion in der "Kolonie"
(= Pozuzo-Zentrum). Sie sprach in der Schule fast nur ihren deutschen
Dialekt. Als sie um etwa 1923 wegzog, kamen zwei peruanische Lehrer
aus Panao nach Pozuzo. Die Kommunikationsprobleme zwischen ihnen
und den Schülern lösten sich anscheinend dadurch, dass
die Lehrer noch im selben Jahr an Gelbfieber starben. (Da hatten
aber schon zahlreiche Väter ihre Kinder aus der Schule genommen).
Offiziell gab es damals eine fünfklassige Schulpflicht, tatsächlich
gingen die Kinder durchschnittlich zwei Jahre zur Schule, weil ihre
Arbeitskraft zu Hause benötigt wurde.
Nach dem Weggang Frau Eggs wurde Herr Josef Schuler-Föger
aus Huacamayo zum Unterrichten überredet (in Prusia-Victoria).
Man nannte ihn José Alemán, und auch er unterrichtete
auf deutsch. (Seine Spanischkompetenz erwarb er sich autodidaktisch
durch das Studium seines deutsch-spanischen Wörterbuchs). Anscheinend
bekam er ein staatliches Gehalt, doch als dieses nach einem Jahr
ausblieb und sich von den Vätern seiner Schüler keiner
bereit fand, auf Josés Chacra zu arbeiten, musste er den
Unterricht wieder aufgeben.
Jetzt gab es in Pozuzo keinen Lehrer mehr. Über Vermittlung
von Pfarrer Eggs Nachfolger, dem aus Gschnitz stammenden Franz Schafferer,
wurde Fräulein Carolina Egg ein Studium bei den Franziskanerschwestern
in Columbien ermöglicht. Sie begann ihre Unterrichtstätigkeit
in Pozuzo um 1930 und wurde schon während der fünf Jahrzehnte
ihres Wirkens zur Legende. Sie hatte drei Schulen zu betreuen: in
der "Kolonie", in Prusia-Victoria und in Yanahuanca. Die
auf einem Pferd zu ihren Wirkungsstätten reitende Lehrerin
unterrichtete an jeder dieser Schulen zwei Tage. Neben dem offiziellen
Unterricht in spanischer Sprache bot sie auf privater Basis auch
gut besuchte Deutschkurse an. In ihrem Elternhaus im abseits des
Zentrums gelegenen Palmira wurde sie dabei auch nicht gestört,
nachdem 1942 in Peru Deutsch als Schulsprache verboten worden war.
In den Jahren zwischen José Alemán und Fräulein
Caroline gab es als einzigen Unterricht die religiöse Unterweisung
durch Pfarrer Franz Schafferer, ebenfalls auf deutsch und je einmal
pro Woche in den genannten Schulen. Einziges Unterrichtsmittel war
der Katechismus, dessen lose Blätter jedes Mal, wenn ihn der
ungeduldige Pfarrer gegen einen Schüler schleuderte, im Klassenraum
umherstoben.
Wenn auch unter den vielen Dingen, die die Auswanderer in die neue
Heimat mitgebracht hatten, sich neben "ein paar Gebetbüchern,
Brevieren" hin und wieder auch eine spanisch-deutsche Grammatik
befand, dürfte bis 1930 der ungesteuerte Erwerb der Landessprache
vorgeherrscht haben, indem man sich Spanischkenntnisse weder aus
Grammatiken, noch aus Wörterbüchern, noch in besonders
ergiebiger Form im Schulunterricht angeeignet hat, sondern im Umgang
mit indianischen Landarbeitern, sofern am elterlichen Hof welche
beschäftigt wurden. Man lernte etwas Spanisch auch vom eigenen
Vater, vor allem dann, wenn der nicht viel Land hatte und deshalb
für andere Leute viel mit "cargas" (Maultierlieferungen)
auf den Saumpfaden unterwegs war. Oft merkten Pozuziner aber erst
im Jünglingsalter (Frauen waren wegen der prekären Reisebedingungen
weniger mobil) im 70 km entfernten Huancabamba, wohin man damals
noch drei bis vier überaus anstrengende Tage benötigte,
dass man in Peru auch spanisch verstehen musste. Dann hat man es
eben "langsam, langsam" im Umgang mit spanischsprachigen
Leuten gelernt, deren Anteil durch die wachsende wirtschaftliche
Attraktivität Pozuzos langsam größer wurde.
Heute gibt es im weitläufigen Siedlungsgebiet von Pozuzo 70
Volksschulen ("Primarias") und zwei Oberstufenschulen
(je eine "Secundaria" im Zentrum und in Codo del Pozuzo),
doch Qualität und Kontinuität der Ausbildung lassen immer
noch zu wünschen übrig. Laut Gesetz besteht in Peru eine
elfjährige Schulpflicht. Von den jährlich etwa 500 Erstklasslern
beenden aber nur ca. 150 die sechsklassige Primaria, und nur ca.
50 treten in die fünfklassige Secundaria ein, die von rund
10 Schülern auch tatsächlich beendet wird. Der Deutschunterricht
hat nur im Zentrum eine gewisse, bis in die Grüdungszeit der
Kolonie zurückreichende Tradition. Seit bald 20 Jahren wird
unter Beteiligung österreichischen Engagements (Einzelpersonen
und Institutionen) eine Etablierung des vorher auf privater Basis
erteilten Deutschunterrichts an den Schulen von Pozuzo-Zentrum und
Prusia versucht. Doch auch die Kontinuität dieses Unterrichts
unterliegt nach wie vor vielen Unwägbarkeiten.
Quellen:
SCHABUS, Wilfried (1998): Kontaktlinguistische Phänomene in
österreichischen Siedlermundarten Südamerikas. In: Ernst,
Peter / Franz Patocka (Hg.): Deutsche Sprache in Zeit und Raum.
Festschrift für Peter Wiesinger zum 60. Geburtstag. Wien, S.
125-144.
SCHABUS, Wilfried (1998): Konfession und Sprache in südamerikanischen
Kolonisationsgebieten mit österreichischem Siedleranteil. In:
Bauer, Werner / Hermann Scheuringer (Hg.): Beharrsamkeit und Wandel.
Festschrift für Herbert Tatzreiter zum 60. Geburtstag. Wien,
S. 249-280.
"DORF
TIROL" / Colônia Tirol, Brasilien ES
Von Karl Ilg wurde die Streusiedlung als "Dorf Tirol"
beschrieben (Ilg, Heimat Südamerika, Wien 1982. S. 143). Die
offizielle Bezeichnung ist Colônia Tirol de Santa Leopoldina.
Lage: im brasilianischen Bundesstaat Espirito Santo auf 20°10'
südl. Breite und 40°35' westl. Länge in bergigem Gelände
zwischen 600-800 m ü.d.M. Der nördliche Teil der Colônia
Tirol heißt heute California. Die Höfe von Tirol-California
liegen in isolierter Einzellage, ein Siedlungszentrum hat sich erst
in den vergangenen Jahren herausgebildet (Wirtschaftshilfe durch
das Land Tirol).
Besiedlungsgeschichte: Brasilien zog schon in den 20-ern
des 19. Jahrhunderts zahlreiche Europäer an, darunter auch
viele Tiroler, die sich als Söldner für das Bataillon
Kaiser Pedros I. anwerben ließen. Zu einer verstärkten
bäuerliche Zuwanderung kam es auch hier erst nach 1850; aus
ähnlichen Gründen wie in Peru (s. Pozuzo) wurde die Einwanderung
staatlich gefördert. Dazu kam, dass Brasilien damals die Einfuhr
von afrikanischen Sklaven aufgeben musste und deshalb auf Ersatz
durch andere Landarbeiter angewiesen war, um den Fortbestand der
Kaffeeproduktion sicherzustellen. Die im Kolonisationsgebiet von
Santa Leopoldina ab 1857 angesiedelten europäischen Immigranten
waren allerdings keine auf feudal verwalteten Großländereien
eingesetzten Lohnarbeiter, sondern sogenannte "Regierungskolonisten",
die als vom Staat mit Sonderprivilegien ausgestattete Erstsiedler
das ihnen zugewiesene Land eigenverantwortlich in Arbeit nahmen.
Herkunftsprofil der Zuwanderer: 1857 immigrierten 104 Schweizer,
dann 120 Holländer sowie zahlreiche Katholiken aus dem Hunsrückgebiet
in das Siedlungsgebiet von Santa Leopoldina. 1859 kamen 70 Luxemburger
sowie 82 Tiroler hinzu (vorwiegend dem aus Stubai- und Oberinntal).
1860 kamen katholische Westfäler an. Das Munizip Santa Leopoldina
hatte damals 1.003 Einwohner, fast 600 davon waren Deutsche oder
Österreicher.
Konfessionelle Verhältnisse: Brasilien ist wegen seiner
portugiesischen Kolonialgeschichte ein katholisches Land. Von den
Zuwanderern war im Munizip Santa Leopoldina im Jahre 1860 nur ein
Drittel katholisch, die Mehrheit war protestantisch. Dieses Verhältnis
verschob sich noch weiter zugunsten der Protestanten durch eine
starke Zuwanderung aus Hinterpommern in den 1870-ern. Es bestand
eine ausgeprägte Konfessionsschranke zwischen den katholischen
Tirolern, den sogenannten "Hundsbucklern" (aus dem Hunsrück),
und den Westfalen einerseits sowie den lutherischen Pommern anderseits.
Verkehrslage: Bis Santa Leopoldina-Stadt (heute etwa 1.400
Einwohner; früherer Name Porto do Cachoeiro = "Flußhafen
an der Stromschnelle") war der Santa-Maria-Fluss mit Lastkähnen
befahrbar, weshalb hier ein Warenumschlagplatz angelegt wurde, von
wo man die Produkte der Kolonie (hauptsächlich Kaffee) die
65 km flussabwärts zur Hafenstadt Vitória transportierte.
Von der 600 m höher gelegenen Colonia Tirol bis Santa Leopoldina
sind es 17 km (Erdstraße; steil, bei Nässe unpassierbar,
dann über Mangaraí, 28 km, ebenfalls z.T. exponierte
und bei Nässe problematische Erdstraße; Stand 1992).
Von S.L. bis Vitória ca. 55 km Asphaltpiste. Rio de Janeiro
liegt ca. 500 km weiter im Süden.
Einwohner: Das Munizip Santa Leopoldina hat heute ca. 11.000
Einwohner, rund 70% davon sind deutschstämmig (aus dem nieder-,
westmittel-, und oberdeutschen
Raum; unter ihnen leben vereinzelt einige Pommern). Das Siedlungsgebiet
von Tirol- California hat ca. 450 Einwohner, von denen etwa 80%
eine deutsche Familientradition haben. (Als herkunftsmäßig
unvermischt tirolstämmig können heute allerdings nur noch
die älteren Nachkommen des Stammhauses der Familie Siller gelten).
- Pommern: Die aus dem Kreis Regenwald im ehemaligen Ostpommern
zugewanderten Protestanten zählen heute etwa 25.000. Sie haben
sich durch die Gründung eines eigenen Munizips von Santa Leopoldina
politisch abgespaltet. In dem Hauptort des gleichnamigen Munizips,
Santa Maria de Jetibá (ca. 2.500 Einwohner), fungiert bei
der mittleren und älteren Generation noch "pommisch"
als städtische Umgangssprache. Die Kirchensprache der Pommern
ist das Standarddeutsche (s.u.).
Wirtschaft: In Santa Leopoldina ist sie seit langem stagnierend
(erschöpfte Böden; mögliche Alternativen zur unrentabel
gewordenen Kaffeeproduktion haben nicht gegriffen). Wirtschaftlich
bedingt gibt es eine starke Abwanderung. Seit 1993 erlebt das "Dorf
Tirol" vom Land Tirol eine verstärkte Wirtschaftshilfe.
Schule: Wegen der exponierten Verkehrslage und dem Bedarf
an Kinderarbeit absolvieren die Kinder im Regelfall nur die vierjährige
Unterstufe. Früher gab es in der Colonia Tirol eine Konfessionsschule
mit Deutschunterricht durch katholische Priester des Steyler Missionsordens.
Dieser Unterricht wurde in den 1930-ern eingestellt. Im Ortsteil
California gab es noch in den 40-ern deutschsprachige Lehrer. Im
Kriegsjahr 1942 kam es in Brasilien zum Verbot des Deutschen in
den Schulen. Seit 1969 gibt es in der Colonia Tirol eine von dem
im Jahre 2000 verstorbenen Innsbrucker Universitätsprofessor
Dr. Karl Ilg gegründete Privatschule, in der es 1997 wieder
einen Deutschunterricht durch einen von einem österreichischen
Verein bezahlten örtlichen Lehrer gab.
Kirche: Bei den Pommern sowie bei den Protestanten der Nachbarkolonie
Luxemburgo ist die Kirchensprache das Deutsche (inhaltliche Zusammenfassung
der Predigt sowie kirchliche Verlautbarungen auf portugiesisch).
Bei den Katholiken ist hingegen schon seit etwa 1940 die Kirchensprache
das Portugiesische, ebenso bei den von deutschsprachigen Laienpredigern
gehaltenen Andachten.
Das Tirolische im Dorf Tirol: Das "Dorf Tirol"
wurde im selben Jahr wie Pozuzo gegründet. Bedingt durch die
starke Abwanderung gibt es hier allerdings nur noch die Geschwister
Siller, die aus einer unvermischt "tirolischen" Familie
stammen (und nicht z. B. aus einer tirolisch-westfälischen).
Während hier als Kirchensprache vermutlich schon länger
als in Pozuzo die Landessprache fungiert, ist dialektales Deutsch
als Medium der familiären und nachbarschaftlichen Kommunikation
im Dorf Tirol und den angrenzenden Gemeinden bei der älteren
und häufig auch noch bei der mittleren Generation durchaus
in Gebrauch. (Bei den Kindern ist es heute meist so, dass sie ab
dem Schuleintritt den Gebrauch des elterlichen Dialekts meiden,
da die Landessprache für sie den höheren Prestigewert
hat).
Diese sprachliche Beharrsamkeit wurde durch das Fehlen eines Zentrums
in dem durch Einzelhöfe geprägten Siedlungsgebiet sowie
auch dadurch gefördert, dass die schon bald nach der Jahrhundertwende
einsetzende wirtschaftliche Verödung der Kolonien die brasilianische
Zuwanderung nicht begünstigt hat. Noch entscheidender ist aber
der Umstand, dass im Kolonisationsgebiet von Santa Leopoldina das
deutschsprachige Element zahlenmäßig stark war.
Die in den gemischten Siedlungsgebieten wirksam werdenden Konfessionsbarrieren
haben vor allem in dem demographisch schwachen Dorf Tirol die genealogische
und somit auch die sprachliche Entwicklung entscheidend mitbestimmt.
Der Tiroler Dialekt präsentiert sich heute im Dorf Tirol im
wesentlichen nur noch idiolektisch (also bei einzelnen Persönlichkeiten,
bei diesen allerdings in beeindruckend authentischer Form). Natürlich
weisen aber auch diese Sprecher neben den zu erwartenden landessprachlichen
Interferenzen auch noch domänenspezifische Innovationen aus
dem westmitteldeutschen Siedleranteil auf.
Quellen:
SCHABUS, Wilfried / Alexander SCHLICK: Colônia Tirol. Eine
Tiroler Siedlung in Brasilien. Innsbruck: Edition Tirol 1996.
SCHABUS, Wilfried (1998): Konfession und Sprache in südamerikanischen
Kolonisationsgebieten mit österreichischem Siedleranteil. In:
Bauer, Werner / Hermann Scheuringer (Hg.): Beharrsamkeit und Wandel.
Festschrift für Herbert Tatzreiter zum 60. Geburtstag. Wien,
S. 249-280.
DREIZEHNLINDEN
/ Treze Tilias, Brasilien SC
Dreizehnlinden liegt im Landesinnern des südlichen brasilianischen
Bundesstaates Santa Catarina auf 27° südl. Breite und 51,5°
westl. Länge.
Gründungsgeschichte: 1933 waren 557.000 Österreicher
arbeitslos. Das Kolonieprojekt wurde finanziell gefördert von
der 1933 zur Existenzsicherung der von der Wirtschaftskrise am schwersten
betroffenen Bevölkerungsgruppen ins Leben gerufenen "Österreichischen
Auslandssiedelgesellschaft zur Gründung und Führung von
geschlossenen Siedlungen im Ausland". Die Förderung war
notwendig geworden wegen der restriktiven Einwanderungspolitik des
von der Weltwirtschaftskrise ebenfalls betroffene Brasilien. Präsident
der Gesellschaft war der Obmann des Tiroler Bauernbundes und vormalige
österreichische Landwirtschaftsminister Andreas Thaler (geb.
1883). Von 1933 bis zum Anschlussjahr 1938 wanderten in insgesamt
14 Transporten fast 800 Österreicher nach Brasilien aus. Der
mitausgewanderte "Minischtr" (Thaler) wurde zum Chef der
Kolonie (Unfalltod 1939).
Der Ort Dreizehnlinden ist heute (Stand 1992) der städtische
Siedlungskern eines Siedlungsgebietes, das in 14 "Linhas"
bzw. "Kolonien" aufgeteilt ist; Gesamtausdehnung 157 km²
(wie Liechtenstein). Malaria- und gelbfieberfreies hügeliges
Gelände, durchschnittliche Höhenlage ca. 800m ü.d.M.
Ca. 5.000 Einwohner (Österreich- und Italienstämmige sowie
Lusobrasilianer).
Österreichische Zuwanderung: Ca. 560 Personen aus Tirol
(davon mehr als 300 aus dem Unterinngebiet), 60 Personen aus Vorarlberg,
47 aus Salzburg, 34 aus Oberösterreich, 32 aus Wien, 26 aus
Niederösterreich, 12 aus der Steiermark, 2 Bgl., 1 aus Kärnten.
(Ab-/Rückwanderer nicht berücksichtigt). - Italienische
Zuwanderung: Bis 1950 aus Rio Grande do Sul (brasilianische Binnenwanderung
von 1875 immigrierten Venetern).
Wirtschaft: Krisensituation (und dadurch bedingte Abwanderung)
bis 1969. Überwindung der Krise durch Gründung von landwirtschaftlicher
Genossenschaft und Molkerei. Heute Milchwirtschaft, Maisproduktion,
Mate, Schweine- und Geflügelmast. Aufstrebender Tourismus.
- Verkehrslage: Seit 1984 Asphaltstraße. Milchauslieferung
in betriebseigenen LKW bis São Paulo (ca. 600 km).
Schule (Stand 1992): Trotz des saisonalen Bedarfs an Kinderarbeit
(Mateblätter-Ernte im Wald) ist das Bildungsinteresse in der
Bevölkerung vergleichsweise hoch. Deutschunterricht gibt es
nur im Zentrum. In der Vorschule, dem dreistufigen "Pre",
gibt es täglich eine Stunde Betreuung in deutscher Sprache.
Auf Betreiben des Goethe-Institus ist Deutsch in der Unterstufe
nunmehr Pflichtfach. In der als Abendschule organisierten Oberstufe
(Segundo Grau, 3 Jahrgänge) wird Deutsch als Fremdsprache unterrichtet.
- Seit 1969 gibt es eine Privatschule ("Dr.-Karl-Ilg-Schule");
seit 1994 wird hier wieder regelmäßig Deutschunterricht
angeboten (Lehrer aus Bayern, Südtirol, Österreich).
Kirche (Stand 1992): Pfarrer Italobrasilianer. Er hat sich
in 13L Deutschkenntnisse erworben. Messen auf portugiesisch; am
Sonntag eine zweite Messe mit Lesung des Evangeliums durch Laien
auf deutsch. Einmal monatlich eine Messe auf deutsch durch den Pfarrer
selbst.
Quellen:
SCHABUS, Wilfried (1998): Kontaktlinguistische Phänomene in
österreichischen Siedlermundarten Südamerikas. In: Ernst,
Peter / Franz Patocka (Hg.): Deutsche Sprache in Zeit und Raum.
Festschrift für Peter Wiesinger zum 60. Geburtstag. Wien, S.
125-144.
REITER, Martin u.a. (1993) : Dreizehnlinden. Österreicher
im Urwald. Schwaz.
LLANQUIHUE,
Chile
Die deutschsprachige Kolonisation in Chile konzentrierte sich auf
die Provinzen Valdivia und Llanquihue. In Lllanquihue bildete sich
ein sozusagen "tirolischer" Siedlungsschwerpunkt heraus,
nämlich in der kleinen Streusiedlung Los Bajos (zu Frutillar
gehörig) am westlichen Ufer des Sees Llanqihue. - Geographische
Lage von Frutillar: Südliches Chile (X. Region), ca. 41°
5' südl. Breite und 72°55' westl. Länge, zwischen
100 und 200 m ü.d.M.
Besiedlungsgeschichte: Das Jahr 1846 markiert den Beginn
der staatlich geförderten Immigration in Chile mit der Einwanderung
von 40 Personen aus Hessen nach Valdivia. Ab 1853 kam es dann auch
zur Kolonisation des landwirtschaftlich nutzbaren Landes am See
Llanquihue mit Zuwanderern aus fast allen Teilen Deutschlands. Bis
1860 dauerte die Hauptphase der kolonisatorischen Erschließung
der Provinzen Valdivia und Llanquíhue mit insgesamt etwa
3.200 deutschen Einwanderern. (Weiteres s.u. "Sozialprofil").
Verkehrslage: Günstig. Vom Südende des Sees sind
es weniger als 20 km nach Puerto Montt (See- und Flughafen). Die
früher wichtige Schifffahrt am Lago Llanquíhue wurde
nach dem Ausbau des Straßennetzes eingestellt.
Das tirolische Siedlerelement: 1856 und 1860 kam es zur
Zuwanderung von 12 schlesischen protestantischen Familien tirolischer
Abstammung, insgesamt ca. 70 Personen. 19 von ihnen waren noch in
Tirol geboren. Sie gehörten zu den 1837 aus dem Tiroler Zillertal
vertriebenen lutherischen "Inklinanten" (s. Gasteiger,
Gustav v.: Die Zillerthaler Protestanten und ihre Ausweisung aus
Tirol. Meran 1892). Bei der Auswanderung nach Chile waren sie bereits
preußische Staatsbürger und hatten schon 19 bzw. 23 Jahre
in Schlesien verbracht.
Konfessionelle Verhältnisse: Chile ist wegen der spanischen
Kolonialgeschichte ein katholisches Land. Bis 1857 wanderten jedoch
hauptsächlich Protestanten ein. Das änderte sich 1858
mit der Zuwanderung von 113 katholischen Westfälern. 1873-75
gab es dann eine starke Zuwanderung von Katholiken aus dem Böhmerwald.
Sozialprofil und politische Integration der Einwanderer: Im
Gegensatz zu Pozuzo in Peru oder der Colonia Tirol in Brasilien
suchten in Chile nicht (nur) verarmte Wirtschaftsflüchtlinge
eine neue Existenz, sondern vor allem mittelständische Bauern,
Handwerker, Kaufleute, Gewerbetreibende, Unternehmer und Intellektuelle,
unter ihnen viele politisch und religiös liberal gesinnte,
von der absolutistischen Restauration nach dem Revolutionsjahr 1848
enttäuschte "Freidenker". Daneben wanderten auch
viele gläubige Protestanten aus fast allen Teilen Deutschlands
ein, unter ihnen eben auch jene zwölf tirolstämmigen Familien
aus Schlesien, deren Vorfahren im Jahre 1837 ihres lutherischen
Glaubens wegen aus dem Zillertal vertrieben worden waren. Auch die
eingewanderten Schwaben waren nicht dem Katholizismus verpflichtet,
sondern einer pietistischen Tradition.
Unter den mit dem Hamburger Segelschiff "Hermann" am 13.
November 1850 im Hafen von Corral (Valdivia) gelandeten 95 Einwanderern
befand sich auch der Apotheker Carl Anwandter, der 1847 im preußischen
Landtag (als Vertreter der Mark Brandenburg) und 1848 Mitglied der
preußischen Nationalverammlung gewesen war und im Jahre seiner
Auswanderung eine Apotheke in der Stadt Calau betrieb, in der er
auch die Funktion des Bürgermeisters bekleidete. Er war jedoch
kein Anhänger des evangelisch-deutschen Landeskirchentums,
dafür verband ihn viel mit der freireligiösen Gesellschaft
der "Lichtfreunde".
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass sich Anwandter
gleich nach seiner Landung an die Spitze einer Immigrantendelegation
stellte, um vom Regierungsvertreter Vicente Pérez Rosales
klare Anworten auf seinen berühmt gewordenen 18-teiligen Fragenkatalog
einzuholen, der nach Erkundigungen über die Pflichten der Immigranten
(Frage 1: "Welche Wege hat der Einwanderer einzuschlagen, um
chilenischer Bürger zu werden?") schon im vierten Punkt
auf die Haltung der Regierung gegenüber den nicht-katholischen
"Dissidenten" Bezug nimmt: "Wenn einige Dissidenten
unter [den Einwanderern] sind, werden sie zur Aufgabe der Religion
ihrer Väter verpflichtet werden", und können sich,
Punkt fünf, "Dissidenten untereinander verheiraten?"
Rosales, beeindruckt von dem Auftreten der Ankömmlinge und
in der Erkenntnis, dass hier "nicht arme, von der Not getriebene
Einwanderer" gekommen waren, sondern "vermögende,
gesittete und zum Teil hochgebildete Leute", beantwortete den
Fragenkatalog zur Zufriedenheit der Einwanderer (und erwirkte von
der Regierung nachträglich die Bestätigung seiner aus
eigener Machtvollkommenheit gemachten Zusagen). Erst jetzt formulierte
Anwandter im Namen der Zuwanderer seine heute auch auf spanisch
so häufig zitierte Loyalitätserklärung, die mit den
Worten beginnt: "Wir werden ebenso ehrliche und arbeitsame
Chilenen sein, wie nur der beste von ihnen es zu sein vermag."
Schule (Stand 1996): Das Instituto Alemán in Frutillar
beherbergt acht Klassen Unterstufe, ein Internat und eine Vorschule.
Es steht im Schulverband mit der Oberstufenschule und dem Lehrerausbildungsseminar
in Puerto Montt. Beide Einrichtungen sind von Deutschland aus geförderte
Privatschulen. Die Lehrer von Frutillar - bis vor kurzem kamen sie
meist aus Deutschland - verdienen hier mehr als an den staatlichen
chilenischen Schulen. Anfang der 1960-er Jahre wurden noch alle
Fächer außer Spanisch auf deutsch unterrichtet. Durch
den guten Ruf der Schule wurde sie auch für immer mehr chilenische
Schüler interessant. Heute hat die Schule 150 Schüler.
Die Mehrzahl von ihnen trägt deutsche Familiennamen, jedoch
sprechen nur zehn dieser Schüler auch zu Hause im Kreise ihrer
Familien deutsch. Heute wird in Frutillar das Deutsche als Fremdsprache
unterrichtet (7 Wochenstunden), die übrigen Fächer auf
spanisch. - Englischunterricht: 3 Wochenstunden ab der 5. Klasse.
Im Alter von fünf Jahren treten die Kinder in die Vorschule
ein, wo sie durch Lieder und Spiele an das Deutsche gewöhnt
werden. - Die Kirchensprache ist bei den Protestanten der Region
das Deutsche (die protestantischen Pastoren kommen bis heute aus
Deutschland).
Geschichte des Deutschen in Chile - Verdrängung der Dialekte:
In Llanquihue gab es eine fast ausschließlich deutsche
Zuwanderung, aus der sich heute im wesentlichen die ökonomische
Oberschicht konstituiert. Während ethnokulturelle Aspekte sowohl
das Selbstwertgefühl der Protestanten als auch das der Katholiken
kennzeichneten, kam es bei ersteren durch die erklärte Zuständigkeit
der Kirchengemeinde für nationale Belange zu einer Koppelung
von konfessionellem und ethnischem Selbstverständnis. Durch
die Tradition der deutschen Kirchen- und Schulsprache und der in
diesen Domänen ständigen engen - auch personellen - Anbindung
an Deutschland wurde bei den Protestanten die deutsche Standardsprache
zu einem starken Symbol ihrer ethnokulturellen Identität, was
den Spracherhalt förderte. (Zwar haben auch die Katholiken
bis heute Seelsorger aus dem deutschsprachigen Ausland, und es gab
auch bei ihnen durch den Willen zur Traditionsbewahrung motivierte
Schulgründungen, doch haben die ethnos-übergreifende Zuständigkeit
der Missionare, die lateinische und spanische Kirchensprache und
die daraus abzuleitende Nicht-Zuständigkeit der katholischen
Kirchengemeinden für "nationale" Symbole den Wechsel
zur spanischen Landessprache begünstigt.)
Heute gibt es bei den Deutschsprachigen Chiles jedenfalls keine
mit Pozuzo in Peru oder mit dem "Dorf Tirol" in Brasilien
vergleichbare dialektale Schichtung, sondern eine bilinguale Kompetenz,
deren deutsche Komponente die Standardsprache ist. Unterschiede
in der individuellen normsprachlichen Kompetenz definieren sich
hier nach der Beeinflussung durch die spanische Landessprache. Denn
die Anspruchshaltung der gebildeten Deutschsprachigen in Chile bedingt
ein sprachliches Bewusstsein, das pragmatisch nicht begründbare
Transferenzen aus der spanischen Kontaktsprache als Normverletzungen
des Deutschen klassifiziert, wofür man den Begriff "Launadeutsch"
geprägt hat (nach der deutschsprachigen Landbevölkerung
an der Laguna Llanquihue). Dieser Begriff symbolisiert zwei wesentliche
Interferenzphänomene, nämlich Entlehnung aus der Kontaktsprache
(konkret des span. laguna für "See") sowie lautliche
Integration der entlehnten Form (konkret als "Launa"),
was seinerseits wiederum als eine Normverletzung gegenüber
der Kontaktsprache begriffen wird.
Die spezifischen Bedingungen im Kolonisationsgebiet führten
hier zu einer Verdrängung der Dialekte, die in den zwanziger
Jahren schon weitgehend vollzogen war. Das tirolische Element war
zudem durch den zwanzigjährigen Zwischenaufenthalt der Inklinanten-Nachfahren
in Schlesien entscheidend geschwächt. Trotzdem konnte man bis
vor einigen Jahren gelegentlich noch den folgenden Appell an ein
verloren gegangenes tirolisches Wir-Gefühl hören: Via
zain dåch Thiroola! ("Wir sein doch Tiroler!").
Die lautliche Realisierung dieses Solidaritätsmarkers (labiodentales
v-, stimmhafter s-Anlaut, aspiriertes th-) zeigt aber deutlich auch
die verlorengegangene dialektale Kompetenz.
Quelle:
SCHABUS, Wilfried (1998): Konfession und Sprache in südamerikanischen
Kolonisationsgebieten mit österreichischem Siedleranteil. In:
Bauer, Werner / Hermann Scheuringer (Hg.): Beharrsamkeit und Wandel.
Festschrift für Herbert Tatzreiter zum 60. Geburtstag. Wien,
S. 249-280.
Literaturhinweise:
ILG, Karl (1976): Pioniere in Argentinien, Chile, Paraguay und Venezuela.
Innsbruck, Wien, München: Tyrolia.
ILG, Karl (1982): Heimat Südamerika. Brasilien und Peru. Leistung
und Schicksal deutschsprachiger Siedler. Innsbruck, Wien: Tyrolia.
REITER, Martin / RAMPL, Monika / HUMER, Andreas (1993) : Dreizehnlinden.
Österreicher im Urwald. Schwaz.
SCHABUS, Wilfried: POZUZO. Varietätenausgleich und Sprachkontakt
in einer deutschen Sprachinsel in Peru. In: Mundart und Name im
Sprachkontakt. Festschrift für Maria Hornung zum 70. Geburtstag.
Wien 1990. (= Beiträge zur Sprachinselforschung. Bd. 8, 205-233).
SCHABUS, Wilfried und Alexander SCHLICK: Colônia Tirol. Eine Siedlung in Brasilien. Innsbruck: Edition Tirol 1996
SCHABUS, Wilfried (1994): Beobachtungen zu Sprachkontakt, Varietätenausgleich,
Sprachloyalität und Sprachwechsel in Pozuzo (Peru) und bei
den Landlern in Siebenbürgen. In: Berend, Nina
u. Klaus J. Mattheier (Hrsg.): Sprachinselforschung. Eine Gedenkschrift
für Hugo Jedig. Frankfurt M., S. 221-262.
SCHABUS, Wilfried (1997): Der Weg zum Pozuzo. Eine zweijährige
Reise von Tiroler Emigranten in eine hundertjährige Isolation.
In: Veröffentlichungen des Tiroler Heimatmuseums Ferdinandeum
77, S. 103-124. [Mit Bildern und Skizzen]
SCHABUS, Wilfried (1996): Kontaktlinguistische Aspekte bei Tiroler
Siedlergruppen in Pozuzo (Peru), Santa Leopoldina (Brasilien ES)
und Dreizehnlinden (Brasilien SC). In: Tiroler Heimat. Jahrbuch
für Geschichte und Volkskunde. 60. Bd. Innsbruck 1996. S. 221-227.
SCHABUS, Wilfried (1998): Kontaktlinguistische Phänomene in
österreichischen Siedlermundarten Südamerikas. In: Ernst,
Peter und Franz Patocka (Hrsg.): Deutsche Sprache in Zeit und Raum.
Festschrift für Peter Wiesinger zum 60. Geburtstag. Wien, S.
125-144.
SCHABUS, Wilfried (1998): Konfession und Sprache in südamerikanischen
Kolonisationsgebieten mit österreichischem Siedleranteil. In:
Bauer, Werner und Hermann Scheuringer (Hrsg.): Beharrsamkeit und
Wandel. Festschrift für Herbert Tatzreiter zum 60. Geburtstag.
Wien, S. 249-280.
SCHABUS, Wilfried (1999): Der Geistliche mag herkommen wo er will,
wann er nur ein Richtiger währ'. In: das Fenster. Tiroler Kulturzeitschrift.
33. Jg. Heft 67. Innsbruck Frühjahr 1999, S. 6403-6418. [Mit
Bildern]
SCHMID-TANNWALD, Karl: Pozuzo. Vergessen im Urwald. Ein Bericht
aus Peru. Wien 1957.
SCHÜTZ-HOLZHAUSEN, Kuno Damian Freiherr von: Der Amazonas.
Wanderbilder aus Peru, Bolivia und Brasilien [...] unter besonderer
Berücksichtigung der vom Verfasser gegründeten tirolisch-rheinländischen
Kolonie Pozuzo. Freiburg i. Br. 1895.
WENCELIDES, Birgit: Tiroler Bauern in Peru - Die Gründung
der Kolonie Pozuzo und ihre Entwicklung bis heute. Diplomarbeit
an der Technischen Universität München, Fachbereich für
Landwirtschaft und Gartenbau. München 1986.
|