|
Zur Entstehung von Sprachinseln kam es aus vielerlei
Gründen. So etwa durch obrigkeitliche Verfügungen, wenn
der Landesherr auf Grund von strategischen und wirtschaftlichen
Überlegungen (Grenzsicherung, Urbarmachung, Bergbau usw.) eigene
Untertanen in ein oft frisch erworbenes Areal entsandte, wie das
bei mittelalterlichen Gründungen der Fall war. Um konfessionspolitisch
bedingte Zwangsverschickungen wiederum handelte es sich bei den
protestantischen Landlern in Siebenbürgen. In anderen
Fällen wurden Siedler von fremden Behörden angeworben,
so etwa im Falle von Deutsch Mokra in
den Waldkarpaten, wohin die ungarische Hofkammer der Marmarosch
unter Gewährung von Privilegien tüchtige Salinenarbeiter
aus dem Salzkammergut holte, die hier das zur Aufrechterhaltung
des Salzhandels notwendige Flößholz gewinnen sollten.
Im Mittelalter
Vom bairisch-österreichischen Sprachgebiet
aus wurden im Mittelalter in den benachbarten
Grenzlandschaften Siedlungen gegründet mit vorwiegend Westtiroler
Siedlern:
Sieben Gemeinden/Sette Communi bei Vicenza/Oberitalien
(um 1100)
Folgaria, Lavarone /Oberitalien (1220), von dort aus die
Tochterkolonie Lusern/Luserna /Oberitalien bei Trient (16.Jh.)
Dreizehn Gemeinden/Tredici Communi (Giazza)
bei Verona/Oberitalien (1280)
mit Siedlern aus Tirol und deutschsprachigen Gemeinden des Trentino:
Fersental bei Trient/Oberitalien (1250-1330)
mit Siedlern aus dem Herrschaftsgebiet der Görzer, besonders
aus dem Osttiroler, Hochpustertaler und Oberkärntner Raum:
Pladen/Sappada Oberitalien (13.Jh.)
Zahre/Sauris Oberitalien (13.Jh.)
Tischelwang/Timau Oberitalien (um 1240)
Zarz/Sorica und Dt.Ruth
in Slowenien (1200-1250)
Gottschee in Slowenien (1325-1360)
mit Siedlern vorwiegend aus dem mittelbairischen Raum, z.B.:
Budweis, Brünn, Wischau in Tschechien (13.Jh.)
In der Neuzeit
Sehr geschlossene Gemeinschaften bilden hingegen die nach urchristlichen
Vorgaben in Bruderhöfen organisierten Hutterer im
amerikanisch-kanadischen Grenzgebiet von Dakota und Manitoba. Die
einst von dem Südtiroler Jakob Huter (1539 in Innsbruck als
Ketzer verbrannt) zu einer Kirche vereinten Anabaptisten flüchteten
im 16. Jh. von Tirol nach Südmähren und später in
die westliche Slowakei (hier "Habaner" genannt), wo sie unter Maria
Theresia größtenteils zwangskatholisiert wurden. Die
durch religiöse Verfolgungen zu einer Art "Wandersprachinsel"
gewordene religiöse Minderheit überlebte auf einem nach
Siebenbürgen geflüchteten Bruderhof, wo die von ihrer
Auflösung bedrohte Gruppe durch hierher deportierte Protestanten
aus Kärnten eine entscheidende Verstärkung erfuhr und
1756 ins südliche Rußland weiterwanderte. Die Ausreise
nach den USA erfolgte nach 1871, als die neue Staatsführung
Rußlands auch die Hutterer der Militärpflicht unterwerfen
wollte, was mit ihren religiösen Grundsätzen unvereinbar
ist. Bis heute ist bei den Hutterern der Gebrauch der deutschen
Sprache ein wesentliches Moment ihres religiösen Selbstverständnisses.
Neuzeitliche Sprachinseln in Übersee wurden
ab dem 16.Jh. in Südosteuropa und ab dem 19.Jh. gegründet.
In der Neuzeit entstanden österreichisch-bairische Sprachinseln
in Ost- und Südosteuropa, so etwa im 18. Jh. die drei Dörfer
der aus Oberösterreich und Kärnten stammenden protestantischen
" Landler " in Siebenbürgen (heute Rumänien)
oder die von katholischen Auswanderern aus dem oberösterreichischen
Salzkammergut gegründete Waldarbeitersiedlung Deutsch
Mokra im damals ungarischen Komitat der Marmarosch
(heute Transkarpatien, westliche Ukraine). Ab dem 19. Jh. kommt
es schließlich auch zur Gründung von österreichischen
Sprachinseln in Übersee. Als Beispiele seien die Colônia
Tirol in Espirito Santo, Brasilien, genannt sowie das von tirolischen
(und rheinländischen) Emigranten angelegte Pozuzo
im peruanischen
Regenwald oder die erst in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts
entstandenen Siedlungen Carlos Pfannl in Paraguay und Dreizehnlinden
/Treze Tilias in Santa Catarina, Brasilien (die eine von Niederösterreichern
aus dem Waldviertel, Oberösterreichern und Deutschsprachigen
anderer Herkunft, die andere vorwiegend von Tirolern, Vorarlbergern,
Oberösterreichern und Wienern angelegt). Die in die USA, vornehmlich
nach Chicago ausgewanderten Burgenländer bilden indes
keine Siedlungsgemeinschaften gemäß der unter dem Stichwort
Sprachinseln zitierten Definition.
Besonders starke Werbeimpulse (sog. pull-Faktoren ) gingen
um die Mitte des vorigen Jahrhunderts von einigen südamerikanischen
Ländern aus, die wenige Jahrzehnte zuvor von den Kolonialmächten
politisch unabhängig geworden waren und jetzt zur wirtschaftlichen
Erschließung ihrer Länder einsatzfreudige Siedler brauchten.
Auf eine große Emigrationsbereitschaft stieß der im
Auftrag der peruanischen Regierung handelnde, aus Hessen stammende
Agent damals in Tirol, wo viele Handwerker und weite Teile der bäuerlichen
Bevölkerung wirtschaftlich völlig verarmt waren (sog.
push-Faktoren ). Eine Auswanderung in das damals schon
nicht mehr so einwanderungsbedürftige Nordamerika kam für
Mittellose aber oft schon wegen der teuren Schiffspassage dorthin
nicht in Frage. Deshalb begaben sich im Jahre 1857 200 Tiroler begeistert
auf eine fast bargeldlose Reise zu den ihnen versprochenen Ländereien
am Fluß Pozuzo in Peru. Hier gedachte
man, in der Neuen Welt "dem verderblichen Einflusse" des protestantischen
Nordamerika entgegenzuwirken und mit Pozuzo den "ersten Kern einer
wahrhaft katholischen Kolonisation" zu gründen. Als man zwei
Jahre später nach einer entbehrungsreichen Reise in einem Frachtensegler
auf der gefährlichsten Seeroute der Welt um das Kap Hoorn herum
und einer darauf folgenden strapaziösen Expedition über
die riesigen Gebirgsketten der Anden endlich den Pozuzo erreicht,
hatte man zwar fruchtbares Pflanzland gewonnen, doch ließ
die völlig isolierte Lage der Kolonie im entlegenen Urwaldgebiet
eine rentable Vermarktung der Produkte bis in unsere Tage herauf
nicht zu. (Neuerdings exportiert man auf einer immer noch problematischen
Straßenverbindung Lebendvieh in die peruanische Hauptstadt
Lima).
Brasilien zog schon in den zwanziger Jahren des 19. Jhs. zahlreiche
Europäer an, darunter auch viele Tiroler, die sich als Söldner
für das Bataillon Kaiser Pedros I. anwerben ließen. Sie
wurden mit dem Hinweis angeworben, daß die Gemahlin des Kaisers,
die Habsburgerprinzessin Leopoldine, ja eine "Landsmännin"
von ihnen sei (sie starb 1826). Zu einer verstärkten bäuerlichen
Zuwanderung kam es aber auch hier erst nach 1850, als Brasilien
die Einfuhr von afrikanischen Sklaven aufgeben mußte und deshalb
auf den Ersatz durch andere Landarbeiter angewiesen war, um den
Fortbestand der für das Land damals überlebenswichtigen
Kaffeeproduktion sicherzustellen. Eine heute noch existierende Tiroler
Sprachinsel aus dieser Zeit ist die Colônia Tirol de Santa
Leopoldina in Espirito Santo.
Der gute Ruf Brasiliens als Einwanderungsland bewog auch noch in
den wirtschaftlichen Notzeiten unseres Jahrhunderts viele Österreicher
zur Emigration. Zwischen 1933 und 1938 wanderten insgesamt etwa
800 Tiroler, Vorarlberger und Personen aus anderen Bundesländern
nach Santa Catarina aus und legten hier die Siedlung Dreizehnlinden/Treze
Tilias an. diese Gründung geht auf eine Initiative von
Andreas Thaler zurück, der vorher österreichischer Landwirtschaftsminister
gewesen war. Er stammte aus der Wildschönau bei Wörgl.
Heute ist Dreizehnlinden ein prosperierendes agrarisches Siedlungsgebiet
mit einem städtischen Zentrum.
|