Neues vom Sprachinselverein Wien

Unsere Vereinsnachrichten

Vereinsnachrichten 2012

von Heike Arnold (Kommentare: 0)

Rückblick 2012

Im abgelaufenen Vereinsjahr wurde die Zusammenarbeit mit befreundeten Instituten weiter intensiviert. Die räumliche Nähe zum Kulturquartier und dessen Veranstaltungen wirkte sich positiv auf die Besuche bzw. Nutzung unserer Vereinsbibliothek aus. Die Ausstattung des Vereinslokals wurde vervollständigt; auch ein preisgünstiger Beamer für die von Familie Wohlschlager organisierte Filmreihe konnte angeschafft werden.
Die Beiträge "Bellavista“ über Pladen/Sappada von Peter Schreiner, „Das Ladinische Jahrhundert“ von A. Lackenberger und G. Mader sowie „Konturen einer Heimat“ über Colônia Tirol de Santa Leopoldina (Brasilien) von E. Danesch und D. Rych haben großes Interesse geweckt. Die Reihe wird im Jahr 2013 fortgesetzt.
Im November ist der 232 Seiten umfassende 21. Band unserer Beiträge zur Sprachinselforschung erschienen: „Wortschatz und Sprachkontakt im Kontext oberdeutscher Wörterbücher, Sprachatlanten und Sprachinseln - Werner Bauer zum 70.Geburtstag“ und als Anhang: „Ortsgrammatiken als Unterrichtsbehelf: ‚Laiengrammatiken’ für Minderheitensprachen“.

Vorträge

Am 17.4. hielt Luis Prader, Sekretär des Einheitskomitees der oberitalienischen Sprachinselnund Beirat unseres Vereins, den Festvortrag bei der Hauptversammlung des Vereins Muttersprache in Wien: „Die deutschen Sprachinseln in Oberitalien. Geschichte, Sprache und Kultur“. Mit Lichtbildern und Hörbeispielen wurde dem zahlreich anwesenden, interessierten Publikum vor allem die aktuelle Situation von Sprache und Kultur der deutschen Minderheiten in Oberitalien anschaulich nahe gebracht.
Die Vorsitzende stellte bei der Hauptversammlung des Cimbernkuratoriums am 23.Juni in Landshut den Sprachinselverein sowie seine Geschichte und Aktivitäten vor. Weiters hielt sie am 16. November in Wien im Rahmen der polnisch-österreichischen Tagung der polnischen Akademie der Wissenschaften (Thema: „Deutsch und die Umgangssprachen in der
Habsburger-Monarchie“) einen Vortrag über deutsche Sprachinseln in Slowenien: „Zur Sprachentwicklung der im Mittelalter von Österreich aus besiedelten Sprachinseln Zarz/Sorica und Gottschee/Kočevje in Krain“.
Im Rahmen der diesjährigen Hauptversammlung des Vereins referierte Frau PhD Eva Markus (ELTE Budapest) über „Die deutsche Mundart der Sprachinsel Deutschpilsen/Nagybörzsöny im Norden Ungarns“. Mit Bildmaterial und Tondokumenten stellte sie Deutschpilsen als eine mittelalterliche bairische Außengründung im Norden Ungarns vor, die im 13. - 15. Jahrhundert vermutlich mit Siedlern aus dem Alpenvorland (Steiermark), aus Tirol, aus dem Erzgebirge und/oder aus Thüringen besiedelt wurde.

Bildungsreise 2012

Vom 16. bis 20. Mai führte uns die Bildungsreise ins Kanaltal (Italien) und nach Zarz sowie Deutschrut (Slowenien). Schon bei der Planung wurde versucht, neben den sprachlichen Aspekten auch möglichst viele kulturelle und landschaftliche Besonderheiten vorzusehen.
Dank der sorgfältigen Vorbereitung durch unsere beiden Kunsthistorikerinnen Dr. Jenni und Dr. Lanc sowie Empfehlungen unseres "Reiseexperten" Dkfm. Langendorf konnten wir eine sehr interessante Reise zusammenstellen. Herr Prof. Dr. Wiesinger sorgte dabei für einen profunden sprachwissenschaftlichen und dialektologischen Überblick.
Die Anreise ins Kanaltal wurde zu einem Besuch der Klosterruine Arnoldstein und zur Besichtigung der Fresken der im Stil der Gotik gestalteten Pfarrkirche St.Andreas in Thörl-Maglern genützt. Bei unserer Ankunft in Tarvis hatte Frau Tributsch ein äußerst interessantes Programm mit dem Kanaltaler Kulturverein vorbereitet. Wir wurden über die Vereinsaktivitäten informiert und hatten Gelegenheit, mit den Vorstandsmitgliedern die aktuelle Situation der deutschsprachigen Minderheit zu diskutieren. Am nächsten Tag waren wir zu Gast beim Direktor und der Lehrergemeinschaft im Ingeborg-Bachmann-Gymnasium.
Ausführlich informierte man uns dort über das trinationale und damit dreisprachige Schulprojekt, das mit sehr großem ehrenamtlichen Engagement der Verantwortlichen, im Besonderen Frau Tributsch, durchgeführt wird. Es kann als ein Lehr- und Musterbeispiel für ein vereintes Europa gelten.

Über Jesenice/Aßling erreichten wir das malerische Bled/Veldes. Die Burg, die InselkircheMaria im See, das Läuten der Wunschglocke oder eine Wanderung um den See boten Programm für den Nachmittag und Abend. Über Bohinjska Bistrica ging es in die ehemaligen deutschen Sprachinseln Nemški Rovt/Deutschrut und Sorica/Zarz in Oberkrain. Hier konnten
wir keine autochthonen Sprecher des Zarzerischen mehr antreffen; nur Familiennamen auf Gräbern zeugen noch von ehemals deutschsprachigen Siedlern. In Krain hielt Frau Prof. Dr. Jožica Škofic, die Leiterin der Dialektologischen Abteilung des Fran-Ramovš-Instituts für slowenische Sprache des Wissenschaftlichen Forschungsinstituts der slowenischen Akademie
der Wissenschaften, einen Einführungsvortrag „Language situation in Slovenia (standard language, dialects, minority languages etc.)“. Sie spielte uns auch Aufnahmen der sogenannten Mischsprache Zarzerisch-Slowenisch vor, wie sie ähnlich schon von Lessiak um 1900 notiert worden war. Frau Škofic ging sehr ausführlich auf die kontaktsprachlichen
Phänomene in den einzelnen slowenischen Dialektregionen ein.

Am vorletzten Tag der Reise standen eine Stadtbesichtigung von Kranj/Krain, von Škofja Loka/Bischoflack und ein Besuch der Kirche von Suha (gotische Wandmalereien) auf dem Programm. Ein Spaziergang durch Kamnik/Stein und eine Führung durch Šempeter (römische Nekropole) rundeteten diesen Tag ab. Den Abschluss der Reise bildeten schließlich Besichtigungen von Celje/Cilli (Abteikirche, Schloss) und Ptuj/Pettau, der ältesten Stadt des Herzogtums Steiermark, wo uns eine sehr ansprechend gestaltete Ausstellung von Karnevalsmasken erwartete.

Wissenschaftliche Zusammenarbeit

Auf Grund der 2011 getroffenen Vereinbarung mit dem Institut ISAL und der Gemeinde Zahre bezüglich der Zahrer Grammatik wurden in einem ersten Schritt die Zahrer Rechtschreibungskonventionen, die von den Sprechern bereits benutzt werden, analysiert und entsprechend adaptiert. Die Arbeitsgruppe zur Entwicklung des Rechtschreibkonzepts bestand aus Gewährsleuten unterschiedlichen Alters mit sehr guter Sprachkompetenz und den Kooperationspartnern. Diese Vorgangsweise ermöglichte eine solide Basis der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und praktischer Anwendung. Sie fördert bei den Sprachträgern sprachliches Selbstbewusstsein, das Verständnis für gewisse Regelhaftigkeit durch Erklärungen lauthistorischer Zusammenhänge, die wiederum den Laien Identitätsmerkmale erkennen lassen. Als Grundlage für die Erarbeitung der Rechtschreibung dienten die Werke des Lehrers Ferrante Schneider und eine Sammlung von Texten, Übersetzungen und die Regelbeschreibung der Zahrer Sprache, veröffentlicht von der Lehrerin Novella Petris und dem Lehrer Antonino Pecilé. Die Umsetzung der Beschlüsse erfolgt durch Frau Dr. Francesca Cattarin. Zur Erklärung der Grammatikbeispiele wurde als „Dachsprache“ das Standarddeutsche gewählt und durch Hinweise bzw. Vergleiche der Zusammenhang mit den südbairischen Varietäten begründet, basierend auf den Untersuchungen von Prof. Denison.

Von 28. bis 30. September nahm die Vorsitzende an der Jahrestagung des Einheitskomitees teil, das diesmal in Timau/Tischelwang tagte. Die Sprachgemeinschaften präsentierten ihre kulturellen Leistungen nicht nur der Ortsbevölkerung, sondern auch den politisch und kulturell Verantwortlichen der Region. Auch hier konnten die Kontakte vertieft und wertvolle Anregungen für Vereinsaktivitäten mitgenommen werden.

Über Vermittlung von Luis Prader wurden die Kulturvereine der Sprachinseln eingeladen, an einer "Bestandsaufnahme" ihrer Publikationen, die sehr oft ohne ISBN-Nummer erscheinen, teilzunehmen. Das Internationale Institut für Nationalitätenrecht und Regionalismus hat das Projekt Datenbank zum Schrifttum der Deutschen Sprachinseln in Norditalien / im Alpenraum beim europäischen Fonds EACEA eingereicht. Das Projekt sieht im Falle der Bewilligung auch die Einbindung des Sprachinselvereins vor.

Hauptversammlung 2012

Bei der Hauptversammlung wurde der Vorstand neu gewählt:

Vorsitzende: HR Dr. Ingeborg Geyer
Stellvertreter: HR Dr. Franz Grieshofer
Schriftführerin: Mag. Irene Wohlschlager
Stellvertreterin: Mag. Andrea Plöchinger
Kassier: MR Dr. Hans Wohlschlager
Stellvertreter: Mag. Manfred Kogler
Rechnungsprüfer: Prof. Dr. Dorothea Kribitsch und Dkfm. Heinz Langendorf

Eine große Bitte:

Der Mitgliedsbeitrag 2012 bleibt unverändert € 20,-. Wegen der 2013 erwarteten außerordentlichen Belastungen bitten wir um freiwillige Erhöhung bzw. Spenden auf unser Vereinskonto: IBAN = AT96 1200 0006 0121 8704 / BIC = BKAUATWW)

Ausblick 2013

Weiterhin vordringlich bleiben die Fortsetzung der Digitalisierung der Bibliothek und die Finanzierung für das Sprachinseltreffen 2013 samt Tagung im Gailtaler Heimatmuseum Schloss Möderndorf (Hermagor). Zwei Tagungsbände für die Sprachinselreihe sind in Vorbereitung. Die Korrekturfahnen für den 22. Band (Werkstattberichte aus der Sprachinselforschung) sind in Bearbeitung. Als Band 23 ist die Herausgabe der Habilitationsschrift von Frau Eva Markus „Die deutsche Mundart von Deutschpilsen/Nagybörzsöny“ geplant. Durch den Wegfall der Förderung von wissenschaftlichen Publikationen seitens des Bundes müssen auch dafür Drittmittel aufgebracht werden.
Mit der Vorführung ausgewählter Video-Dokumentationen über Sprachinseln wollen wir unsere Mitglieder wieder regelmäßig zu Veranstaltungen einladen und neue Mitglieder gewinnen.
Besonderer Dank für die ehrenamtliche Mithilfe und Unterstützung im abgelaufenen Vereinsjahr gilt allen Vorstands-, Beirats- und Vereinsmitgliedern. Ohne die kontinuierliche Unterstützung seitens des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur, für die wir unseren aufrichtigen Dank aussprechen wollen, wären die ständige Betreuung der
Bibliothek und der Aufbau der weiteren Dokumentation über die Sprachinseln nicht möglich.
Der Vereinsvorstand wünscht ein gutes, gesundes Neues Jahr und freut sich auf weitere gute Zusammenarbeit sowie zahlreiche Teilnahme an unseren Veranstaltungen.


Dr. Ingeborg Geyer e.h.                   Mag. Irene Wohlschlager e.h.
(Vorsitzende)                               (Schriftführerin)

Wien, im Jänner 2013

Vereinsnachrichten 2012 als PDF zum Download

news2012.pdf (2,5 MiB)

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